# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S26 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Chriſtenheit der erſten Jahrhunderte völlig fremd; zweitens nicht die gläubige Chriſtenheit aller Oꝛ⸗ ten, denn außer den Gliedern der römiſchen Kirche glaubt kein Chriſt an ihre Untrüglichkeit. Das ſei genug geſagt von dem vielen Verſtande des Edelmanns. Was nun den römiſchen Prieſter betrifft, ſo geht das richtige Urtheil über ihn zwar auch ſchon aus dem Obigen hervor; aber was ſoll man gar dazu ſagen, daß ein Prieſter, mit welchem ſich ein Laie über den Weg zur Seligkeit zu befragen wünſcht, nichts Wichtigeres zu thun weiß, als ihn an der heiligen Schrift irre zu machen? War es denn nicht genug, um die Bibel als Schieds⸗ richterin gelten zu laſſen, daß ſie von beiden ſtrei⸗ tenden Parteien für die heilige Schrift anerkannt wurde? Iſt es Dummheit oder Bosheit, wenn der römiſche Prieſter trotz dem noch einen Be⸗ weis fordert, daß das aufgelegte Buch die heilige Schrift ſei? Was ſollten wir wohl dazu ſagen, wenn der heilige Philippus, als er den Kämmerer aus Mohrenland im Propheten Jeſaias leſend antraf, ihn nicht gefragt hätte: verſteheſt du auch, was du lieſeſt? (Ap. Geſch. 8, 30.); ſondern ge⸗ ſagt hätte: woher weißt du, daß das vom Pro⸗ pheten Jeſaias geſchrieben und Gottes Wort iſtꝰ Es iſt ja ſelbſt bei weltlichen Händeln gar nicht denkbar, daß beide ſtreitende Parteien einen Drit⸗ ten für völlig geeignet erklärten, als Schiedsrichter zwiſchen ihnen aufzutreten, und daß dennoch einer der Streitenden, bei gutem Gewiſſen über die Rechtlichkeit ſeiner Sache, von dem andern ver⸗ langte, zu beweiſen, warum auch er jenen Drit⸗ ten für einen paſſenden Schiedsrichter halte. Aber freilich, mit dem guten Gewiſſen ſcheint es eben bei dem römiſchen Prieſter nicht ſonderlich beſtellt geweſen zu ſein; er iſt ſich wohl nicht Man⸗ nes genug geweſen, aus der heiligen Schrift den proteſtantiſchen Laien zu widerlegen, darum ſpielt er die Sache auf ein anderes Gebiet. Oder hat der römiſche Prieſter nur die wahrſcheinlich luthe⸗ riſche Bibelüberſetzung des Proteſtanten nicht zum Schiedsrichter haben wollen? warum ſagt er es dann nicht gerade heraus? Da ſcheint doch ſo ein Stück Jeſuitiſcher Flunkerhaftigkeit hinter zu ſtecken. Der Proteſtant von vielem Verſtande hätte am Ende gar auch griechiſch verſtanden und man hätte alſo den Urtext benutzen können. Im Grunde iſt aber die Sache dieſe: wenn die rö⸗ miſche Kirche nicht zuvor von einem Menſchen er⸗ langen kann, daß er ihre Unfehlbarkeit anerkennt, ſo kann ſie ihm auch ihre übrigen Irrlehren ſo leicht nicht aufpacken, weil ſie gegen Gottes klares Wort ſtreiten. Hat ſie aber jenes erſte Zuge⸗ ſtändniß, ſo macht ſie mit ihrem hochgerühmten Anſehen und Zeugenſchaft den klaren Quell des Wortes Gottes gehörig trübe, und wer ſich dann noch die Augen darin waſchen will, der bekommt natürlich Sand genug mit hinein, um nicht mehr deutlich ſehen zu können. Hier gelten die Sprüch⸗ wörter: Im Trüben iſt gut fiſchen, und: Im Dunkeln iſt gut munkeln.. Der Anſchaulichkeit wegen wollen wir noch kürz⸗ lich die Frage beantworten: welche Bürgſchaft hat ein römiſcher Chriſt dafür, daß die Bibel die heilige Schrift ſei, und welche hat ein lutheriſcher Chriſt? 26 1. Was den römiſchen Chriſten betrifft, ſo hat derſelbe keine andere Bürgſchaft, als die Ver⸗ ſicherung ſeiner Kirche. Da muß aber einem gewiſſenhaften und ernſten Menſchen nothwendig die Frage kommen: wer bürgt mir für die Un⸗ fehlbarkeit der römiſchen Kirche? und er wird ſich hier um ſo weniger mit der einfachen Behauptung abſpeiſen laſſen, daß ſie nun einmal unfehlbar ſei, weil ja die röͤmiſche Kirche, ſoweit ſie gegen⸗ wärtig Zeugniß ablegen kann, aus Menſchen be⸗ ſtehet, von denen jeder Einzelne irrthumsfähig iſt. Er wird vielmehr mit Recht Beweiſe fordern, und zwar ſolche Beweiſe, die nicht ebenfalls bloße Be⸗ hauptungen ſind und ſelbſt erſt wieder bewieſen werden müßten. Solche nothwendig zu for⸗ dernde, unantaſtbare, durch ſich ſelbſt überzeu⸗ gende Beweiſe für ihre Untrüglichkeit zu liefern, iſt nun die römiſche Kirche nicht nur nicht im Stande, ſondern man kann ihr mit Leichtigkeit nachweiſen, daß ſie ſich oftmals geirrt hat und mit ſich ſelbſt ſowohl, als mit der Kirche der erſten Jahrhunderte in Widerſpruch geſetzt hat. So rechnen, um nur ein Beiſpiel anzuführen, das Concilium zu Laodicea (zwiſchen 260 und 264 n. Chr.), die größte Schaar der angeſehenſten Kirchenväter (z. B. Origenes, Euſebius, Melito, Athanaſius, Hilarius, Gregorius von Nazianz, Epiphanius, Ruffinus, Hieronymus u. ſ. w.) und ſelbſt die verehrteſten Theologen der römiſchen Kirche bis zur Reformationszeit (z. B. noch Hugo und Richard de Sancto Victore, Petrus Clunia⸗ cenſis, ein Freund des berühmten Bernhardt von Clairvaur, Hugo de S. Caro, Lyranus u. ſ. w.) die apokryphiſchen Schriften: Weisheit Salomo⸗ nis, das Buch Jeſus Sirach, das Buch Ju⸗ dith, das Buch Tobias, die Bücher der Makka⸗ bäer nicht mit zu den kanoniſchen Schriften, d. h. nicht zu der heiligen Schrift im eigentlichen Sinne, nicht zu dem geoffenbarten, vom Heiligen Geiſte eingegebenen Worte Gottes, ſondern erkennen ſie nur für Schriften, die mit Nutzen zur Erbauung geleſen werden können. Nichts deſto weniger hat die römiſche Kirche es auf dem Tridentiner Con⸗ cil (1545 bis 1563) für gut befunden, die an⸗ geführten Schriften für Stücke der heiligen Schrift zu erklären, und den Fluch über jeden auszuſprechen, der ihr darin nicht beiſtimmt. Wie reimt ſich das mit der Untrüglichkeit der römiſchen Kirche? Kann ein rechtſchaffner Chriſt ſich wohl noch mit gutem Gewiſſen auf ihr Zeugniß ver⸗ laſſen? Muß ihm nicht die Befürchtung nahe treten, daß die römiſche Kirche über kurz oder lang wieder auf den Einfall kommen kann, einige, bisher für unkanoniſch gehaltene und erkannte Bücher in den Kanon der heiligen Schrift aufzu⸗ nehmen und für Gottes Wort auszugeben, was er dann gleichfalls in gutem Köhlerglauben hin⸗ nehmen muß? Wenn aber ſchon einem Chriſten ſolches Be⸗ denken kommen muß, was ſoll denn gar ein Heide ſagen, dem man doch gar nicht zumuthen kann, von vorn herein das Daſein einer unfehlbaren Kirche zu glauben, und bei dem es immer nur Folge ſeiner Rohheit und Unwiſſenheit ſein kann, wenn er ſich dennoch dazu bewegen läßt, bevor er das Chriſtenthum ſelber ſeinem wahren Weſen nach kennen gelernt hat. 2. Was den lutheriſchen Chriſten betrifft, ſo hat derſelbe als oberſte und durchaus entſchei⸗ dende Bürgſchaft für die Göttlichkeit der Bibel das Zeugniß des Heiligen Geiſtes. Das will ſagen, er weiß, daß die Bibel Gottes Wort iſt, weil er die göttliche Kraft derſelben an ſeinem Herzen erfahren hat, entſprechend der Weiſung Chriſti: So jemand will deß (Gottes) Willen thun, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott ſei, oder ob ich von mir ſelber rede. Joh. 7, 17. vergl. auch 1 Joh. 5, 6. 1 Theſſ. 1,5. 6. und 1 Theſſ. 2, 13. Mit andern Worten: Das Zeugniß des Heiligen Geiſtes bezeichnet hier die übernatürliche Wirkung des Heiligen Geiſtes, die wir in Folge des aufmerkſam gehörten oder ge⸗ leſenen Wortes Gottes erfahren, indem der Hei⸗ lige Geiſt durch ſeine, dem Worte Gottes innewohnende göttliche Kraft unſer Herz trifft, oͤffnet und erleuchtet und zum Gehorſam des Glaubens beugt, ſo daß wir, alſo erleuchtet, durch den in⸗ nerlichen Drang des Geiſtes deß inne und gewiß werden, das uns vorgelegte Wort ſei wirklich Gottes Wort, und daher demſelben aus innerer Nöthigung beiſtimmen. Ein Zweifel aber, ob der alſo bezeugende Geiſt auch wirklich der gött⸗ liche, und nicht etwa ein dämoniſcher ſei, kann nicht ſtattfinden, indem einestheils die ganze ge⸗ ſchehene Unwandelung des Menſchen, der jenes Zeugniß erfährt, und die damit zugleich gegebe⸗ nen Folgen, die Gewißheit ſeines Gnadenſtandes, ſeiner Gottes⸗Kindſchaft, ſein gutes Gewiſſen, ſein Frieden mit Gott, ſein gottſeliger Wandel, . ſein Kampf gegen Teufel, Welt und eignes Fleiſch T. ſeine Freudigkeit in Trübſal u. ſ. w. beweiſen, daß es ein göttlicher Geiſt iſt, der jenes wirkt; anderntheils die heilige Schrift ſelbſt bezeugt, daß es ein göttlicher Geiſt und daß ſeine Verſiegelung untrüglich iſt. Letzteres enthält aber ſowenig einen Cirkelſchluß, wie es dem oberflächlichen Be⸗ trachter ſcheinen könnte, als wenig es ein Cirke ſchluß iſt, wenn Moſes und die Propheten Zeug⸗E niß für Chriſtum ablegen und Chriſtus Zeugniß für Moſes und die Propheten, oder wenn Johan⸗ nes der Täufer bezeugt, Chriſtus ſei der Meſſias, und wiederum Chriſtus, Johannes ſei ein E Prophet. 3 Zu dieſem wichtigſten und für den Einzelnen 3 durchaus in letzter Inſtanz entſcheidenden Zeug⸗ niſſe des Heiligen Geiſtes hat aber der lutheriſche Chriſt noch eine große Zahl höchſt bedeutender, I⸗ ſowohl innerer als äußerer Beweiſe für die Gött⸗ lichkeit der heiligen Schrift. 4 Zu den innern Zeugniſſen gehören unter an⸗ dern: Die Majeſtät, mit welcher Gott in der heiligen Schrift von ſich ſelber zeugt; die Einfalt und der Ernſt der bibliſchen Sprache; die Hoheit der göttlichen Geheimniſſe, welche die heilige Schrift mittheilt; das völlige Zureichen der heiligen Schrift zur Seligkeit. Dieſe Zeugniſſe 1 haben, namentlich zuſammengenommen, gew kein geringes Gewicht. Zu den äußeren Zeugniſſen gehören: Dasf Alter der heiligen Schrift; die ganz beſondere En