# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1860_S98 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 98 Vom Eifer der Prediger. Keineswegs aber dürfen wir die Meinung hegen, daß wir bei der Beschäftigung mit den Streitigkeiten uns beruhigen sollten, sondern mit den wissenschaftlichen Studien muß man das Practische verbinden: das eine arbeitet dem andern in die Hände. Wer sich nicht beider befleißigt, wird dem heiligen Amte nicht gewachsen sein. Jene erleuchten und kräftigen die Erkenntniß und machen einen Pastor stark, diese nähren und üben die Frömmigkeit. Mit jenen stopfen wir den Ketzern den Mund, mit diesen erbauen wir das Volk Gottes zur Seligkeit. Beides liegt dem Pastor ob, daß er die Wölfe verjage und die Schafe weide. Jenem dienen die wissenschaftlichen Studien, diesem die practischen. Durch jene wird ein Pastor gelehrter, durch diese gottseliger. Das Studium der Streitigkeiten machen uns die Ketzer nöthig, aber Gott das Studium der Frömmigkeit, als das unerläßlich nothwendige. Wenn diejenigen, welche die Grundlehren und fast alles Practische als gewöhnlich, leicht und alltäglich vernachlässigen und sich indeß mit subtileren Fragen und verwickelteren Streitigkeiten abmühen, nachher zum Predigen kommen, gefallen sie sich selbst allerdings nur zu sehr, aber bei allen Verständigen pflegen sie Lächeln oder Mitleiden zu erregen: Lächeln nämlich, wenn sie beim geringsten Anlaß über irgend einen nicht grade dahin gehörigen Streitpunct mehr Worte machen als nöthig ist; Mitleiden aber, wenn sie von practischen Dingen reden wollen, und, wie in eine andere Welt versetzt, trocken und langweilig werden. — Sodann ist ein Pastor zu ermahnen, sich nicht so in die Bücher zu vertiefen, daß er die Mittel, durch welche er sich sonst unterrichten könnte, vernachlässigt. Denn 1) ist einem jeden sein eignes Herz ein Buch, aus welchem er lernen kann, wie er andere behandeln soll. Wie im Wasser ein Antlitz dem Antlitz entspricht, so das Gemüth eines Menschen dem des andern: es kann einer des andern Herz in seinem eigenen wie in einem Spiegel sehen. Alle haben denselben Leib der Sünde an sich, woher im einen so gut wie im andern sich Verschlagenheit, Kniffe und Winkelzüge finden, die, wenn auch nicht dieselben, so doch derselben Art sind. Wer sich selbst gründlich kennt, wird viel leichter in die Herzen andrer eindringen. Daher wurde jenes heidnische Wort so oft eingeschärft: Erkenne dich selbst! Er muß also auf die Erforschung seines Herzens einige Zeit verwenden, damit er, nachdem er es recht durchschaut hat, auch andern zeigen könne, welcher Trug, welche List, welche unzähligen Uebel darin verborgen liegen. — 2) Jeder Mensch, mit dem wir zusammentreffen, ist ein Buch, von welchem und über welches etwas zu lernen ist. Von ihnen ist zu lernen, wie sich sowohl die Sünde als die Gnade erkennen läßt. Je nachdem nämlich einer wiedergeboren ist oder nicht, so bezeugt er seine Gottlosigkeit oder Frömmigkeit in Worten wie in Thaten. Sowohl die Gottlosigkeit als die Frömmigkeit kann man nicht lebendiger beobachten, als wenn sie sich im Handeln verrathen. Viel lernte Salomo durch aufmerksame Beobachtung der Sitten der Menschen, wie er im Prediger zeigt. Ferner ist etwas über sie zu lernen, ob sie nachgiebig oder eigensinnig, ob sie oberflächlich oder tiefgehend, ob sie Nesseln oder