# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 09 29_S22 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) * Beweis ſeines für uns dahingegebenen Leibes und für uns vergoſſenen Blutes gemacht iſt. Wir ſehen daraus, daß die Apoſtel kein anderes Abend⸗ mahl als wir feierten; dieß iſt ein hochwichtiger Punkt, den wir nie vergeſſen ſollten, der aber bei der lutheriſchen ſowohl als bei der katholiſchen Lehre ganz aus dem Auge verloren wird. Der Heiland war leiblich gegenwärtig; folglich konnte Er ihnen nicht ſeinen natürlichen Leib, wie er von Maria geboren und den folgenden Tag am Kreuze getödtet wurde, darreichen, wie die römiſchen Prieſter lehren. Ebenſo wenig können wir auf der andern Seite annehmen, daß der Herr ſeinen wahrhaften, aber nach der Auferſtehung verklärten Leib darreichte, wie gewiſſe lutheriſche Theologen lehren. Denn dieſe Anſicht von der Mittheilung des verklärten Leibes Chriſti im heiligen Abend⸗ mahl — abgeſehen davon, daß ſein Leib bei der Einſetzung des Abendmahls noch nicht verklärt war — widerſpricht aufs gröbſte dem offenbaren Sinn und Zweck des heiligen Abendmahls, wie er in den Einſetzungsworten und an andern Stel⸗ len des Neuen Teſtaments ausgedrückt iſt. Wenn das heilige Mahl eine Opfermahlzeit ſein ſoll, in welchem Sinne Diejenigen beſonders es auffaſſen, welche die Worte: „dieß iſt mein Leib!“ buchſtäb⸗ lich verſtanden haben wollen; — ſo fragen wir: wer hat je gehört, daß die Gäſte das lebende Fleiſch des Opfers genoſſen? Sagt der Apoſtel nicht ausdrücklich, wenn er von Chriſto als un⸗ ſerm Oſterlamm ſpricht, daß es für uns geop⸗ fert oder geſchlachtet ſei? Spricht unſer Heiland in den Einſetzungsworten nicht ausdrück⸗ lich von einem für uns in den Tod dahin ge⸗ gebenen Leib, einem vergoſſenen Blut? Hält er ſeinen Leib und Blut unſerm Glauben in irgend einer andern Beziehung, als in Beziehung auf ſeinen Opfertod vor? Hat die Kirche Chriſti nicht von jeher eben deshalb dem heiligen Abend⸗ mahl den Charakter einer To des feier ge⸗ geben? —. In der nächſten Nummer gedenken wir die Zwecke des heiligen Abendmahls, als eines Gna⸗ denmittels, weiter auseinander zu ſetzen und dann von dem würdigen Genuß desſelben zu reden, wozu wir die gebetvolle Aufmerkſamkeit unſerer Leſer uns erbitten und hoffen, daß der Herr ſeinen Segen darauf legen wird.“ * * Laut dieſes Aufſatzes iſt Herrn Naſt's, und, wie wir daher annehmen dürfen, überhaupt der Methodiſten Lehre von dem rechten Verſtändniß der Worte der Einſetzung des heiligen Abend⸗ mahls dieſe: Wenn Chriſtus ſpricht: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, ſo wolle er damit ſagen: „Dieſes Brod und dieſer Wein ſtellt mei⸗ nen Leib und mein Blut dar; iſt ein Zeichen und Siegel, oder ein äußerer ſichtbarer Beweis meines für euch gekreuzigten Leibes und meines für euch vergoſſenen Blutes, aber nicht ein bloßes ſinn⸗ bildliches Erinnerungszeichen, ſondern ein kräfti⸗ ges Bundeszeichen und Siegel.“ Herr Naſt be⸗ hauptet alſo mit einem Wort, daß die Einſetzungs⸗ worte nicht eigentlich, ſondern uneigent⸗ lich zu verſtehen ſeien, oder daß die Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, eine bildliche, verblümte oder figürliche Redeweiſe ent⸗ halten. Unſere Antwort hierauf wird nun darin be⸗ ſtehen, daß wir erſtlich die Gründe prüfen, womit Herr Naſt beweiſen will, warum die Einſetzungs⸗ worte nichteigentlich, ſondern bildlich zu nehmem 22 ſeien, und daß wir zweitens die Gründe angeben, die es unwiderſprechlich darthun, daß die Ein⸗ ſetzungsworte nicht bildlich genommen werden dür⸗ fen, ſondern eigentlich verſtanden werden müſſen. Suchen wir die Gründe zuſammen, welche Herr Naſt für ſeine Anſicht im obigen Aufſatz zum Theil nur andeutet, ſo finden wir ihrer ſechs her⸗ aus. Erſtlich will Herr Naſt zur Begründung ſeiner Meinung offenbar darauf hindeuten, daß Chriſtus das heilige Abendmahl „zu ſeinem Gedächtniß“ zu feiern verordnet habe. Nun iſt es zwar. an dem, daß man ſehr häufig dieſe letzten Worte den erſten Worten Chriſti: „Das iſt mein Leib“ zc. entgegenſetzt und ſpricht: Hieraus ſei deutlich zu erſehen, daß das heilige Abendmahl ein bloßes Gedächtnißmahl ſei. Aber das iſt irrig. Wohl iſt das heilige Abendmahl ein Gedächtnißmahl, aber nicht ein bloß es Ge⸗ dächtnißmahl. Beim heiligen Abendmahl ſoll laut der Einſetzungsworte Chriſti zweierlei geſchehen, erſtlich etwas, was Chriſtus thut, und das iſt, daß er uns ſeinen Leib und Blut darreicht; und etwas, was wir ihun ſollen, und das iſt, daß wir jene Pfänder ſeiner Gnade unter dem Brod und Wein genießen und dabei Chriſti gedenken, oder, wie St. Paulus ſagt, ſeinen Tod verkündigen. Wäre es nun nicht falſch, alſo zu ſchließen: Da beim heiligen Abendmahl nach Chriſti Verordnung von Seiten des Menſchen etwas geſchehen ſoll, alſo kann nicht auch von Seiten Chriſti geſchehen, was er zu thun verheißen hat? Auch hier heißt es: Was Gott zuſammenfügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden. Beides gehört zum heiligen Abendmahl, Chriſtus gibt darin, was er ver⸗ heißt, nemlich ſeinen Leib und ſein Blut, der Menſch aber ſoll thun, was Chriſtus gebietet, nemlich dasſelbe „zu ſeinem Gedächtniß“ feiern. Manche haben zwar geſagt: ſolle man das heilige Abendmahl zum Gedächtniß Chriſti feiern, ſo müſſe er abweſend ſein, denn nur von Abweſen⸗ den ſage man, daß man ihrer gedenke. Aber auch das iſt unwahr. Wohl ſagt man nicht von gegenwärtigen Dingen, die man ſieht und hört, daß man ihrer gedenke, aber von unſichtbaren ſagt man das gar wohl. Iſt Gott nicht allent⸗ halben gegenwärtig? Können wir aber darum nichts „zu ſeinem Gedächtniß“ thun? Spricht er nicht ſelbſt: „An welchem Ort ich meines Na⸗ mens Gedächtniß ſtiften werde; da will ich zu dir kommen und dich ſegnen“? (2 Moſ. 20, 24.) Waren die Wolken⸗ und Feuerſäule, der Gnaden⸗ ſtuhl ꝛc. Erinnerungszeichen des abweſenden, oder nicht vielmehr des anweſen den, in Gnaden gegen⸗ wärtigen Gottes? — Ja, kann ich nicht ſelbſt eines gegenwärtigen Menſchen gedenken, wenn ich vor ihm ſtehe und meine Augen zudrücke. Es iſt alſo kein Zweifel: das, daß wir das heilige Abendmahl zu Chriſti Gedächtniß feiern ſollen, hebt keinesweges den Glauben auf, daß er, der Gottmenſch, ſelbſt gegenwärtig iſt nach ſeinem Wort: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut.“*) *) Der ſelige Johann Arndt thut daher das Ge⸗ gentheil von dem, was Herr Naſt thut. Arndt beweiſ't nem⸗ lich gegen die Reformirten gerade aus dem Befehle Chriſti, Der zweite Grund, welchen Herr Naſt fürs ſeine Anſicht anführt, iſt, weil das heilige Abend⸗ mahl an die Stelle des Paſſah oder des Oſter⸗ lammes getreten ſei. Er macht nemlich den Schluß: Im alten Teſtamente ſtellte das Paſſah⸗ lamm den Leib und das Blut Chriſti nur vor⸗ bildlich dar, ohne daß beides wirklich gegenwär⸗ tig geweſen wäre, alſo ſtellt das Brod und der Kelch im Abendmahle, welches durch das Paſſah vorgebildet wurde, auch den Leib und das Blut Chriſti nur bildlich vor. Wie Herr Naſt dieſen Schluß machen konnte, iſt kaum zu begreifen. Er ſagt ſelbſt mit Dr. Krehl: „Des HErrn Mahl iſt die Erfüllung des im Paſſahmahl enthalten en Vorbildes“, und doch behauptet er wieder, des HErrn Mahl ſei ebenſowohl ein Bild, ohne das Abgebildete zu enthalten, wie das Paſſahmahl. Das iſt ein offenbarer Widerſpruch, denn eben darin beſteht die „Erfüllung“ eines Bildes, daß das Bild aufhört, und an deſſen Stelle das We⸗ ſen des darin Abgebildetgeweſenen tritt. Herrn Naſt hat hier offenbar ſeine vorgefaßte Meinung in Verwirrung geſetzt, denn der Grund, welchen Herr Naſt hier für ſeine Meinung anführt, be⸗ ſtätigt das gerade Gegentheil. Es iſt wahr, des HErrn Mahl iſt die Erfüllung des im Paſſah⸗ mahl enthaltenen Vorbildes. Denn alſo ſpricht der heilige Apoſtel: „Wir haben auch ein Oſter⸗ lamm, das iſt Chriſtus für uns geopfert.“ 1 Cor. 5, 7. Und es heißt ferner überhaupt von den altteſtamentlichen Einſetzungen: „Welches iſt der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper ſelbſt iſt in Chriſto.“ Coloſſ. 2, 16. Ferner: „Das Geſetz (das A. T.) hat den Schat⸗ ten von den zukünftigen Gütern, nicht das We⸗ ſen der Güter ſelbſt. . . . Denn es iſt unmöglich durch Ochſen- und Bocksblut Sünden wegneh⸗ men. Darum, da er in die Welt kommt, ſpricht er: Opfer und Gaben haſt du nicht gewollt, den Leib aber haſt du mir zubereitet.“ Ebr. 10, 1.4. 5. Ferner: „Chriſtus aber iſt gekommen, daß er ſei ein Hoherprieſter der zukünftigen Güter, durch eine größere und vollkommnere Hütte“ (nemlich durch die ſeines Leibes), „die nicht mit der Hand gemacht iſt, das iſt, die nicht alſo gebauet iſt“ (nemlich nicht wie die Stiftshütte des Alten Te⸗ ſtamentes). „Auch nicht durch der Böcke oder Kälber Blut, ſondern er iſt durch ſein eignes Blut einmal in das Heilige“ (in den Himmel) „eingegangen, und hat eine ewige Erlöſung ge⸗ funden.“ Ebr. 9, 11. 12. Endlich: „So mußten das heilige Abendmahl „zu ſeinem Gedächtniß“ zu thun, daß Chriſtus in demſelben gegenwärtig ſein müſſe. Er ſchreibt in der Vorrede zu ſeiner Evangelien-Poſtille: „Es kann kein kräftiger Gedächtniß des Todes Chriſti geſtiftet werden, denn durch Darreichung deſſen, ſo für uns in den Tod gegeben. Chriſti Leib und Blut iſt für uns in den Tod gegeben, derohalben iſt durch Darreichung des Leibes und Blutes Chriſti im Abendmahl das kräftigſte Gedächt⸗ niß des Todes Chriſti geſtiftet. Item, das wird uns im⸗ Nachtmahl gegeben, welches .... das kräftigſte Ge⸗ dächtniß ſeines Todes iſt; Chriſti Leib und Blut iſt ... das kräftigſte Gedächtniß ſeines Todes ..., darum wird uns auch Chriſti Leib und Blut im Abendmahl gegeben.“ Das iſt die rechte Auslegung, die nicht ein Wort Gottes einem andern Worte Gottes entgegenſetzt, ſondern das eine durch das andere beſtätigt.