# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1860_S96 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 96 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. wohl als auch der lutherischen Seite der Nachweis, daß die Worte der Schrift: Für uns in den Tod gegeben, nicht bedeuten: die Stellvertretung an unserer Statt in den Tod gegeben; sondern: daß Jesus im Gehorsam gegen den göttlichen Willen, der auf Verwirklichung des Guten gerichtet ist, für uns, das ist: zu unserem Frommen, damit wir durch Ergreifen des neuen Lebens Erlösung und Versöhnung hätten, sich in den Tod gegeben hat. Die Vorstellung, daß Christus sich stellvertretend an unserer Statt zur Genugthuung der göttlichen Strafgerechtigkeit in den Tod gegeben, hatte ihren Halt nur in der Meinung der ersten christlichen Zeit, daß das Endgericht ganz nahe sei und Christus durch seinen Tod den dann drohenden Tod aufgehoben habe. Als jene Erwartung unerfüllt blieb, hätte man billig jene Vorstellung aufgeben sollen. Daß das nicht geschehen, sondern jene unmögliche Vorstellung beibehalten ist, die Auffassung aber, die den Tod Christi unter dem Gesichtspunkte lediglich eines sittlichen Impulses faßt, nicht ausgebildet ist, — dies Beides ist eine der Hauptursachen, weshalb der Abfall vom Christenthume so über die Maßen groß geworden ist. — So äußert sich ein Namenloser in der zu Gießen bei Heinemann 1858 herausgekommenen „„Reformirten Erklärung über das Abendmahl.““ Der Ertrag des Büchleins ist zum Besten des Rettungshauses zu Klein-Rechtenbach im Kreise Wetzlar bestimmt. Sollte sein geistiger Ertrag auch das Rettungsmittel in diesem Hause sein, so muß es wohl übel um dasselbe stehen. Denn das einige Rettungsmittel, das Wort der Offenbarung Gottes, wird hier weggeworfen, die heiligen Apostel erscheinen als Leute, die sich aus ihrer Anschauung der Dinge und Zustände ihre Ansichten bilden und natürlich darin irren. Daß der Verfasser in seiner Anschauung von den Tendenzen „„begabter theologischer Lehrer““ nicht irrt, ist leider eine traurige Wahrheit. .... Am Schlusse des Schriftchens wird die Hardenbergische Anekdote von Luther, daß er kurz vor seiner Reise nach Mansfeld in seinem Todesjahre gegen Melanchthon seine Abendmahlslehre retraktirt habe, aufgetischt. Die stete Erneuerung dieser Erdichtung ist ein redendes Zeugniß, daß man doch auch auf widerwilliger Seite in Luther den eigentlichen Mittel- und Haltpunkt der Reformation erkennt, zugleich wie man bei Menschen und nicht bei Gott in seinem Worte seinen Trost sucht.“ „Lassen wir aber das, so liegt uns doch recht schwer die Calamität auf der Seele, daß es mit unsern Fakultäts-Theologen zu einem großen Theile gar übel steht, daß zwischen ihnen und der Schrift und der einst und jetzt lehrenden und bekennenden Kirche ein schwerer Widerstreit besteht. Im Angesichte des Wortes Gottes, das vor dem Volke verlesen wird und, wenn es nicht mit Menschlichem verdunkelt und verdreht wird, deutlich sagt, was sein Sinn und Wille ist, können sich ihre spekulativen und dialektischen Vorweg-Annahmen, aus denen sie dann wider die Schrift entwickeln, nicht halten. Man mag sich mit ihnen auf der Studierstube und im Hörsale klenden können, im lichten Raume Angesichts der verlesenen Schrift übergießt Einen der Nebel mit Scham und sinkt nieder. Die Losgelöstheit der Professoren von praktischer kirchlicher Thätigkeit setzt sie Anfechtungen aus, denen nur Wenige obzusiegen demüthig genug sind.“ (Braunschweizer Kirchenblatt.) Freie Gemeinden. Uhlich, der vornehmste „Sprecher“ der freien Gemeinden in Preußen hat als die positiven Grundsätze dieser Gemeinschaft folgende aufgezählt: „1. Ich bin ein Mensch und mein Bestreben geht dahin, immer mehr Mensch zu werden. 2. Ich erkenne, daß es außer mir auch noch Menschen giebt, die ich demnach als solche zu achten habe. 3. Ich bekenne und leugne nicht, daß es vor mir auch schon Menschen gegeben hat, denen ich mancherlei zu verdanken habe. 4. Die Welt ist meine liebe Heimath, und mein ganzes Bestreben ist dahin gerichtet, meines Lebens auf derselben recht froh zu werden. 5. Wir Menschen sind alle Brüder und sollen eine große Familie bilden. 6. Daß es dahin komme, das eben ist das Kommen des Reiches Gottes, das schon Jesus verkündigt hat.“ „Eine eigenthümliche Weise den Propheten Gräber zu bauen. Am Reformationstage (!) ist in Weimar zum Vortheil des Lutherdenkmals in Worms das Werner'sche Schauspiel: „Martin Luther“ nach der Einrichtung von Franz Dingelstedt zur Aufführung gekommen.“ (Pilger aus Sachsen.) Fürstenthum Waldeck. „Dies kleine Land,“ schreibt Münkel im Neuen Zeitblatt, „ist nun auch seit einigen Jahren in die Kämpfe eingetreten, welche Preußen schon so lange Zeit zerrüttet haben. Union und Lutherthum stehen wider einander und sind fast schon bis zur äußersten Hitze des Kampfes fortgerissen, wo es sich um Sein und Nichtsein handelt.“