# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1860_S82 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 82 Die gegenwärtige Spannung unter den separirten Lutheranern Preußens. Er gibt zu, daß Gott auch außer der lutherischen Kirche Kinder geboren werden können, und wenn auch erst im Tode. Nun, was soll dann der Streit? Wo Kinder Gottes sind, da ist auch Christus, ihr Haupt, da ist auch eine Gottesgemeinde und Kirche. Hier macht Diedrich eigenthümliche Schwenkungen, um seine bedrohte Stellung zu maskiren. Christen mögen da sein, sagt er, aber ich erkenne sie nicht, denn ich sehe die reine Lehre nicht. Die Kirche wird nur sichtbar durch die reine Lehre und das lautere Predigtamt; wo das fehlt, kann man nicht von einer Kirche reden. Wir hätten hier also den eigenthümlichen Fall, daß die Kirche irgendwo vorhanden sein kann; doch weil die reine Lehre nicht mit vorhanden ist, so wäre auch die Kirche nicht vorhanden, wenigstens für Diedrich nicht. Auf dieselbe Weise würde man sagen dürfen, daß die Pescheräs und Neuholländer keine Menschen sind, weil die reine Menschennatur in ihnen sehr getrübt und entstellt ist. Wenn wir nun aber Diedrich's Auffassung für richtig annehmen, wo bleibt dann die Kirche vor Luther. Die Kirche ist nur da, wo das Wort Gottes gemäß der lutherischen Kirchenlehre lauter und rein gelehret wird. Das geschah aber vor Luther in diesem strengen Verstande in der ganzen Christenheit nicht, weder in der mittelalterlichen Kirche bei ihren erleuchtetsten Lehrern, noch in den Sekten, wie sie auch heißen mögen. Alle bauten auf den einigen Grund viel Holz, Heu und Stoppeln, und insonderheit gilt das ganz allgemein von dem öffentlichen Lehr⸗ und Predigtamte. Folglich war die Kirche vor Luther nicht da und ist erst durch Luther wieder aus dem Himmel geholt. Das ist aber eine Irrlehre nach Art. 7 der Augsb. Conf. Ist also vor Luther die wahre Kirche vorhanden gewesen und in ihr das Wort Gottes lauter und rein gelehrt, so muß folgen, daß die lutherische Kirche keine Kirche, sondern eine irrgläubige Sekte ist, welche sich von der wahren Kirche losgesagt hat. Alsdann müssen wir unweigerlich katholisch werden. Doch diesen Einwurf wird sich Diedrich selbst gemacht haben. Mit einem Handstreiche beseitigt er ihn. „Christi Kirche“, sagt er, „ist unter allen diesen (Menschensatzungen und Irrthümern) während des Mittelalters verborgen gewesen und hat sich auch hie und da sehen und hören lassen mit dem lautern Wort, dann aber auch immer mehr oder minder protestirend gegen das Wesen der Satzungen und Ceremonien.“ Möchte uns doch Diedrich jemand aus dem Mittelalter namhaft machen, der rein und lauter lutherisch gelehrt hat. Ich kenne keinen, weiß auch nicht, wo sich jemand damit hat sehen und hören lassen. Trotz dem kann er dort im „finstern Mittelalter“ Christi Kirche und Christen entdecken, obgleich dasselbe mehrere Jahrhunderte hinter ihm liegt. Dagegen bei den Reformirten, die um ihn und mit ihm leben und wahrlich nicht so viel Holz, Heu und Stoppeln auf den Grund gebaut haben, als z. B. der hl. Anselm und der hl. Bernhard, erkennt er weder Kirche noch Christen. Er meint freilich, im Mittelalter hätte man sich „das Ziel noch klar behalten“, das sei nachher weggefallen, da habe man sich abgeschlossen. Es soll mir aber nie einfallen zu behaupten, daß es unter den andersgläubigen Gemeinschaften nicht solche gebe, welche mit redlichem Sinne und ganzem