# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1860_S81 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die gegenwärtige Spannung unter den separirten Lutheranern Preußens. 81 die Leser verstehen, worum es sich handelt, will ich sie mit den streitigen Punkten bekannt machen, so gut das in der Kürze gehen will. Die ausgeschiedenen Lutheraner sind wie wir alle durch die Zeit hindurchgegangen und haben der Zeit ihren Zoll bezahlen müssen, wenn sie gleich aus der zeitgemäßen Union herausgetreten sind und die alten Pfade der Kirche wieder aufgesucht haben. Denn damit ist der Sauerteig des Zeitgeistes noch nicht ausgefegt, daß man sich unter die Richtschnur der Kirchenlehre stellt. Darum sagt Pastor Diedrich in seiner neuesten Flugschrift „Werth und Wesen des Kirchenregiments“ (bei W. Schultze in Berlin) „Es kann unser Bestehen und Leben (in den separirten Gemeinden), wo es am besten ist, uns noch lange nicht genügen, weil auch dieses mit unseren Symbolen gar wenig übereinstimmt. Es spielen auch bei uns die mannichfachsten modernen Ansichten und Bestrebungen hinein.“ Von daher sind die Streitfragen gekommen, welche sich gleichfalls ganz zeitgemäß auf die Lehre von der Kirche geworfen haben. Denn auch die streitige Lehre vom tausendjährigen Reiche, die übrigens nicht im Vordergrunde steht, müssen wir hierher rechnen. Ueber diese Streitfragen haben sich zwei Parteien gebildet, von denen die kleinere mit dem Pastor Diedrich zu Jabel geht, die größere, aber auch noch verschieden zusammengesetzte, mit Ehlers, dem Herausgeber des Kirchenblattes, und mit dem Oberkirchencollegium. Ehlers hat in seinem Kirchenblatte einfach die Lehre unserer alten Kirchenlehrer vertreten, daß die Kirche überall da ist, wo sich rechte Christen finden, sei es unter Lutherischen, Katholischen, Reformirten oder Sekten; nur daß damit nicht alle irrgläubigen Gemeinschaften ohne weiteres für wahre Kirchen erklärt werden. In sofern dieselben grundwesentliche Theile des Wortes Gottes beibehalten haben, und wahre Christen unter ihnen leben, ist auch die wahre Kirche unter ihnen vorhanden; insofern sie aber das Wort Gottes verfälscht haben, heißen sie als äußere Gemeinschaften, falsche Kirchen oder Sekten. Die Kirche Christi reicht also über die lutherische Kirche hinaus. Dessen weigert sich Diedrich in der lutherischen Dorfkirchenzeitung (herausgegeben von Pastor Räthjen) entschieden. Indem er das Ansehen der alten Kirchenlehrer zurückweist, will er nur eine Entscheidung aus Schrift und Bekenntnissen der Kirche gelten lassen. Sein Ausgangspunkt ist Art. 7 der Augsb. Conf., daß die Kirche da ist, wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird. Daraus zieht er den Schluß: Also ist die Kirche da nicht, wo das Wort Gottes unlauter und unrein gelehrt wird. Sie ist nicht in den lutherischen Landeskirchen, wo und sofern man unter dem Aushängeschilde der lutherischen Bekenntnisse allerlei falsche Lehre gewähren läßt. Sie ist nicht bei den Reformirten und Sekten, sie ist am allerwenigsten innerhalb der Union. Da nun aber außer der Kirche kein Heil ist, so ist die lutherische Kirche, und zwar diese lutherisch reine und lautere Kirche, die alleinseligmachende. Das sieht auf den ersten Blick recht abschreckend aus, als wenn in der ganzen Christenheit nun weiter keine Christen zu finden wären außer in Jabel und an ähnlichen Orten. Allein das ist Diedrichs Meinung nicht.