# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1860_S80 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 80 Die gegenwärtige Spannung unter den separirten Lutheranern Preußens. Raum für Gnade. Auch braucht v. Hofmann selbst diesen Ausdruck selten. Er recurrirt lieber auf das „Liebesverhalten“ Gottes, nemlich auf denjenigen Drang der Liebe, in welchem Gott den Menschen geschaffen hat; und der Zusammenhang stellt sich bei ihm so: Aus Liebe will Gott, daß der Mensch Gottes werde, und schafft darum den Menschen; aus Liebe will er aber auch, daß dieser sein Wille nicht vereitelt werde, und sieht darum für den Fall, daß der Mensch sündigen möchte, jenen Ausweg von vorn herein vor, und leitet, als der Fall eintritt, Alles in diesen prospicirten Weg. So eben und glatt fängt bei v. Hofmann das Werk der Erlösung an: es ist nicht das Werk eines Gottes, dem sein Herz in Mitleid um sein verlornes Geschöpf bricht, sondern es ist eine für einen gewissen Fall vorweltlich prospicirte, und mit dem Eintreten dieses Falles verwirklichte Modalität des Schöpfungs⸗ und Weltplans. Blicken wir zurück auf Das, was v. Hofmann über den Ursprung der Sünde lehrt, so können wir es neu oder eigenthümlich nicht nennen; es ist einfach nur Das, worauf der natürliche Mensch instinctiv kommt. Wir Pastoren erleben es oft, daß Menschen, die irgendwie in schwere Sünde fielen, uns die Geschichte ihres Falles genau wie v. Hofmann den Fall Adam's beschreiben: wie sie, weder gut noch bös, dahin gegangen seien, wie ihnen dann Dies und Das unter dem blendendsten Schein und allerlei Vorspiegelung versuchlich geworden sei, wie auch zu dem Siege solcher Versuchung über sie das Edelste, was es gebe, ihre Liebe und Sorge für Weib und Kind, ein nicht Geringes beigetragen habe, wie sie's dann endlich, ohne Arges zu denken, gethan hätten, und erst hinterher gesehen hätten, wie sie nun zu stehen gekommen seien, wie aber doch alle diese „Umstände“ ohne ihr Zuthun von Gott selbst so gefügt seien, und wie sie sich darum gar nicht denken könnten, daß Gott so hart mit ihnen ins Gericht gehen sollte. Wir Pastoren wissen aber auch, was wir stets den so Erzählenden antworten: sie müßten die Geschichte ihres Falles noch ganz anders erzählen lernen, ehe sie die Gnade sehen könnten, denn es fehle ihnen an Erkenntniß der Sünde. So können wir auch v. Hofmann nur sagen: es fehlt ihm an Erkenntniß der Sünde.“ (Aus Münkels Neuem Zeitblatt.) Die gegenwärtige Spannung unter den separirten Lutheranern Preußens. Diese Spannung hat sich schon länger angesponnen, ist von Jahr zu Jahr gewachsen und scheint mit einem sehr bedauerlichen Risse enden zu wollen. Für das Jahr 1860 steht die Generalsynode bevor. Die streitigen Händel sollen hier zur Sprache gebracht werden, und möglicher Weise kann hier auch die Entscheidung erfolgen. In Aussicht dessen sind die Köpfe und Federn in Bewegung, und die Gemeinden werden vorbereitet auf das, was sie verstehen müssen und bis jetzt noch nicht verstanden haben. Damit aber