# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1860_S78 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 78 Dr. v. Hofmann's Lehre vom Sündenfall. er zuvor innerlich seinen Willen dem Willen Gottes entgegen setzen, mußte er zuvor mit Gott brechen, und mußte dies auch bewußter Weise thun, da er wußte, was Gott ihm verboten hatte. So aber fing seine Sünde innerlich mit dem Abfall von Gott, mit der Feindschaft wider Gott an, und erst aus dieser erfolgte die Thatsünde, daß er nach der Welt Gut griff, welche Thatsünde ohne jenen inneren Abfall völlig unmöglich war. Ja, so geht es noch immer bis heute: wo immer der Mensch in der Welt Sünde thut, da ists, weil er näher oder ferner zuvor innerlich von Gott gefallen und wider Gott gerichtet ist; denn ursprünglich hängt das sittliche Geschöpf lebendig an seinem Schöpfer, und kann, so lange dieser Zusammenhang bewahrt ist, auch in feinen anderweiten Verhältnissen nicht wider seines Schöpfers Willen thun. Diese einfache Wahrheit macht v. Hofmann's Anschauung von Ursprung und Entwickelung der Sünde zunicht. Darum aber befindet sich auch die Anschauung v. Hofmann's in einem folgenschweren Gegensatze zu den kirchlichen Anschauungen von diesen Dingen. Nach letzteren hat ein im Stande der Heiligkeit und Seligkeit stehender, mit Gott lebendig geeinter Mensch sich innerlich von Gott gerissen, in unbegreiflicher Verblendung gegen seines Gottes ausdrückliches Wort seinen Willen vom Willen Gottes gelöst, und ist so zu der Thatsünde, zum Ueberspringen göttlicher Schranke auch in seinem Weltleben gekommen. Da hebt die Sünde mit der Feindschaft gegen Gott an, und Thatsünde und gestörtes Weltleben sind ihre Consequenzen. Bei v. Hofmann läßt ein zu Gott indifferent stehender Mensch sich vom Teufel belisten, greift nach einem Dinge dieser Welt, und kommt so, da er es eigentlich nicht haben soll, unversehends wider Gott zu stehen, ja des Weiteren wohl gar unter Umständen in Feindschast mit Gott. Da fängt die Sünde als niedere, im Weltleben begangene Thatsünde an und wird im letzten Stadium ihrer Entwickelung Feindschaft gegen Gott. Also, wo die kirchlichen Anschauungen einsetzen, da hört v. Hofmann auf; und wo letzterer aufhört, da setzen erstere ein; und Eins ist das gerade Gegentheil des Anderen. Der weitere Unterschied beider ist dann, daß v. Hofmann's Hamartiogonie der unerleuchteten Vernunft sehr eingänglich ist, weil nach ihr Alles recht genetisch entwickelt scheint, und weil sie für die Begriffe des Falles, des Abfalles, der Gottesfeindschaft keinen Raum läßt, und die Begriffe der Sünde und des Bösen abschwächt; daß dagegen die kirchlichen Anschauungen schwere Worte zur Buße und damit zum ewigen Leben darreichen. Wo keine Erkenntniß der Sünde ist, da ist auch keine der Erlösung; wo die Sünde nicht Fall und Abfall ist, da ist auch das Heil nicht Gnade; und wo die Sünde nicht mit der Feindschaft gegen Gott anhebt, da hebt auch die Erlösung nicht mit der Versöhnung an. Das hält immer Schritt. Um gleich hier die Wirkung bemerklich zu machen, welche v. Hofmann's Hamartiogonie auf seine Soteriologie nothwendig haben muß, erinnern wir an die oben mitgetheilte Stelle, wo v. Hofmann Sündenfall und Erlösung parallelisirt: wie Satans Täuschung dem Menschen ein Gut vorhielt, und ihn damit verlockte, statt eines Gutes ein Uebel zu ergreifen, so hält Gott dem Men⸗