# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1860_S63 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich-Zeitgeschichtliches. 63 Otto Glaubrecht, der bekannte Volksschriftsteller — sein Name ist eigentlich Ru⸗ dolph Oeser —, gewesener Pfarrer zu Lindheim in der Wetterau, geb. am 31. Oct. 1807 zu Gießen, ist am 13. Oct. v. J. gestorben. „Lese-Predigt.“ Unter dieser Ueberschrift findet sich im Sächs. K.- u. Sch.⸗Bl. vom 3. Nov. v. J. eine Vorstellung, wie heilige Pflicht es für die Kirche sei, daß sie als solche nicht nur für das Hören, sondern auch für das Lesen des Wortes Gottes von Sei⸗ ten des Volkes Sorge trage. Es heißt darin: „Was wäre denn dafür zunächst zu thun im evangelischen Sachsenland? Ich meine: es ist von Seiten kirchlicher Organe eine groß⸗ artige Buch- und Kunsthandlung zu gründen. Sie verlegt, kauft, tauscht, verkauft, wie die Bibelgesellschaft — wie der Zwickauer Volksschriftenverein, der schon für eine kleine gute Gabe leicht Empfehlung des Kirchenregiments erlangt — so daß zu hoffen steht, eine der⸗ artige Buchhandlung werde volle Unterstützung da erlangen, etwa auch durch Vorschüsse beim Beginn. Christliche Kaufleute müssen die Ausführung übernehmen. In allen Städten — in manchem Dorf stellt geistlicher Gemeinsinn Agenturen, Commanditen her. Conferenzen vermitteln. Sodann müßten viel Colporteure mit Gewerbscheinen umher⸗ pilgern mit guten Schriften, ihre Ankunft müßte von der Kanzel aus unter nachdrücklichster Empfehlung bekannt gemacht werden. Auch die Jahrmärkte müßten versorgt werden mit christlicher Literatur. Sodann sollten christlich kirchliche Kräfte wieder ein Volksblatt her⸗ stellen, das mit sittlichem Ernst in die Tagesfragen eingeht und Bücherberichte gibt. Es könnte auch eine Waffe sein wider die freche Presse, die es so leicht hat, Wehrlose zu miß⸗ handeln. Solche Blätter sind Kanzeln von ungeheurer Tragweite. 10 Mal 10,000 Leser finden sich ein vor so eines Blattes Kanzel.“ — Die hiermit ausgesprochenen Gedanken sind gewiß aller Beachtung werth. Wie viel die röm. Kirche dadurch wirkt, daß sie selbst die Beschaffung und Verbreitung der religiösen Volksliteratur in die Hände nimmt, liegt zu Tage; wie großes Verderben aber darum im luth. Volke angerichtet wird, daß die Befrie⸗ digung des Lesebedürfnisses desselben lediglich den Privatpersonen und so zu sagen dem Zufall überlassen ist, bedarf keines Beweises. Melanchthon's Todestag. Ueber die Secularfeier dieses Tages spricht sich das Braunschweiger Kirchenblatt vom Monat October v. J. ganz in ähnlicher Weise wie das Münkelsche Zeitblatt aus. Es heißt darin u. A.: „Wir möchten wünschen, daß diese Gedächtnißfeier nicht geschehe. Unsere Landeskirche ist eine rein lutherische, sie lebt nicht von der Fabel einer ursprünglich Melanchthonschen Kirche, Melanchthon ist eine durch⸗ aus unvolksthümliche Persönlichkeit, in religionsgeschichtlichem Unterricht in der Schule wird seiner als des Freundes und Gehülfen Luthers, als des Verfassers der Augsburgischen Confession immer gedacht werden, aber er wird vom Volke auch bald wieder vergessen, sein Andenken lebt nicht im Volke, dieses kennt als Reformator und als Vater seines Glaubens nur Luther. Melanchthons Verdienst für unsere Kirche hört mit der Abfassung der Confes⸗ sion und Apologie auf; die Thätigkeit in der zweiten Hälfte seines Lebens ist nur kirchlich ver⸗ wirrend und auflösend, an die Stelle festen, bestimmten Glaubens und Bekennens suchte er den dehnbaren Ausdruck wissenschaftlicher Vermittelung und Zweideutigkeit zu setzen; so manche seiner Schritte sind Beweise seiner Unsicherheit, Aengstlichkeit und des Abweichens vom lutherischen Bekenntniß; die bekannte Aenderung in der Augsburgischen Confession war nicht zu billigen, die Confession war der „„Kirchen Werk““ geworden, feierlich und öffentlich übergeben, von den protestantischen Ständen unterschrieben, war sie keine Privat⸗ arbeit mehr, sie abermals in veränderter Gestalt und doch mit denselben Unterschriften her⸗ auszugeben, war unberechtigt. Würde eine Todesfeier angeordnet, so könnte die Belehrung der Gemeinen sich nur darauf beschränken, Melanchthons Verdienste in der ersten Hälfte