# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Februar 1860_S40 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 40 Vorwort zu Jahrgang 1860. Spener schreibt hierüber in seinen theol. Bedenken: „Es hat auch Prästo- rius selbst einiges dergleichen zu seiner Zeit revociret, so ihm nicht zum Schimpf und deswegen seine Schriften zu verwerfen, sondern vielmehr, wie Augustino, zum Zeugniß seiner Aufrichtigkeit dienen soll. In dessen dienet's doch seinen Lesern auch zur Nachricht, mit Be⸗ hutsamkeit alles anzusehen und erst zu prüfen.“ (I, 164.) Diese Beispiele, die noch mit einer großen Anzahl anderer ähnlicher ver⸗ mehrt werden könnten, mögen genügen, darzuthun, wie die luth. Kirche, „in ihren besten Zeiten zumeist, ihre Richtungen zu tragen wußte, und es verstand, wie weit man, um Einigkeit zu haben, Einigkeit fordern durfte.“ Wir meinen, es ist hiernach klar, daß unsere Synode wirklich, was Lehrdis⸗ ciplin betrifft, durch Gottes Gnade in den Fußstapfen unserer Kirche in ihren besten Zeiten einhergeht. Wir leugnen, wie bereits gedacht, nicht, daß spä⸗ ter, mit dem unaufhaltsamen Eindringen des Pietismus und noch später des Moralismus und Rationalismus und des aus beiden resultirenden Unionis⸗ mus in unsere Kirche, alle Lehrzucht nach und nach theils aufgehört, theils gerade gegen die reine luth. Lehre sich gekehrt hat; allein gewiß niemand wird diese Zeit die beste Zeit unserer Kirche nennen, da sie vielmehr die ihres tiefsten Verfalls gewesen und zum großen Theil noch ist. Oder will man etwa auf einige sonderbare Meinungen hinweisen, die einige wenige unserer älte⸗ ren Theologen hie und da über gewisse Puncte, ohne deshalb angefochten worden zu sein, ausgesprochen haben; so geben wir zu bedenken, daß dergleichen hie und da sich findenden sonderbaren Aeußerungen eben keine von ihnen ver⸗ folgte besondere „Richtung,“ sondern nur eine leicht zu verzeihende unter⸗ laufende Schwachheit bekundeten. Ja, selbst das gestehen wir gern zu, daß die größten luth. Theologen des 17. Jahrhunderts in einigen Puncten, offenbar ohne es selbst zu merken, nicht vollkommen bei dem Vorbild der Concordia geblieben sind; wir erinnern hierbei nur an die Lehre vom Sonntag. Wir zweifeln aber keinen Augenblick, daß sie mit Augustin retractirt haben würden, wenn ihnen ihre unbewußten Abweichungen klar nachgewiesen worden wären. An solchen Wächtern, die selbst ihre Väter eines etwaigen Fehls in aller Demuth erinnern konnten oder wollten, fehlte es aber eben im 17. Jahrhundert. Daß jene Theologen in einigen wenigen Puncten, ohne darob erinnert zu werden, abbiegen konnten, hatte daher nicht darin seinen Grund, weil man damals, um Einigkeit zu haben, es verstand, wie weit man Einigkeit fordern dürfte, sondern weil die Abbiegenden die Choragen ihrer Zeit waren und die Zeit der Luther und Chemnitze*) vorüber war, die ein so scharfes Auge hatten, daß sie selbst die Führer der Führer sein konnten. Doch Pfarrer Löhe macht unserer Synode den Vorwurf, sie fordere ein Maaß von Uebereinstimmung, welches nicht nur selbst über das in den *) Bekannt ist, daß z. B. Jacob Andreä in mehreren Puncten von Chemnitz erinnert und eines besseren belehrt wurde und daß ersterer dies gern annahm. Vergl. V. E. Lö- scher's ausführliche Historia motuum II, S. 240. 245.