# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S26 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 26 Melanchthon's Todestag. hören bekam, die ihn tief verletzten. M. war keineswegs ein sanster Mann; er war weich, aber er konnte heftig aufwallen, und wenn sich auch die Aufwallung bald legte, so blieb doch in seiner trüben empfindsamen Natur ein bitteres Gefühl zurück. Seine Versuche, selbstständig aufzutreten, scheiterten vollständig, die Folge davon war, daß sich in ihm ein bestimmter Gegensatz gegen Luther ausbildete, der sich von Zeit zu Zeit in Unmuth über den „Selbstherrscher“ Luft machte. Am meisten und leider nicht am edelsten tritt das nach Luthers Tode in einem Briefe an Carlowitz hervor, wo er schreibt: „Ich habe früher eine fast schimpfliche Knechtschaft getragen, da Luther sich oftmals mehr von seiner Natur, die zur Streitsucht sehr geneigt war, als von seiner Person und dem gemeinen Besten leiten ließ.“ Demgemäß hielt er auch Luther eine ziemlich kühle Leichenrede. Das Auseinandergehen beider, schon früher angebahnt, wird seit 1532 recht augenfällig und steigert sich mit jedem Jahre, so daß sich M. immer unheimlicher in Wittenberg fühlte und von seinem „Kaukasus“ wünschte erlöst zu sein. M. machte also den Versuch selbstständig zu sein, und sah sich darin nach Luthers Tode noch weniger behindert. Er war aber nicht der Mann, der an einem solchen entscheidenden und gefahrvollen Platze, an der Spitze einer Kirche, die sich noch durchkämpfen mußte, auf eigenen Füßen stehen konnte. Der Feldherrnstab war in seiner Hand viel zu schwer; abgesehen davon, daß ihm Luthers tiefere Erfahrung und Glaubenskraft abging, so war er viel zu bedachtsam und ängstlich, verlor in bedenklichen Umständen leicht den Kopf und ließ sich von außen bestimmen, wenn die Macht der Ereignisse auf ihn einwirkte. Deshalb entzog er sich dem Einflusse Luthers eigentlich nur, um sich andern Einflüssen zu überliefern, die ihn hin⸗ und herwarfen und nie zur Einheit mit sich selber kommen ließen. Man sieht das deutlich aus seiner Lehranschauung. Sie ist nicht aus Einem Stücke, sie ist aus widerstrebenden Bestandtheilen zusammengesetzt. Der römischen Kirche näherte er sich darin, daß er ihr bischöfliches Kirchenregiment gern beibehalten hätte, weshalb er auch dem Papstthume das Wort redete. Freilich wollte er dem nur ein menschliches Recht zugestehen; doch hätte er leicht weiter gehen können, da er die unsichtbare Kirche und das allgemeine Priesterthum mit dem Ansehen der sichtbaren Kirche verdeckte oder beseitigte.*) Im Zusammenhange damit stehen die zwei andern Lehren, daß er dem menschlichen Willen eine Art selbstständiger Mitwirkung bei der Bekehrung zuschrieb, und die guten Werke für nothwendig zur Seligkeit erklärte. Nicht weniger äußerte er unverhohlen seine Vorliebe für die Ceremonien der römischen Kirche. Dagegen ist es aber sehr auffallend, welche Stellung er im Sacramentsstreite einnahm. Man hätte erwarten sollen, daß er noch über Luther hinausgegangen wäre und sich *) In der veränderten Augsb. Conf. ist auch der 7. Artikel von der Kirche verändert, und zwar so, daß auch die Heuchler mit zur Kirche gerechnet werden. Die neue Lehre von der Kirche ist daher allerdings symbolisch, aber nur, wenn man die geänderte A. C. zu unsern Symbolen rechnet! Daher ziehen es auch unsere Gegner vor, Melanchthonische Definitionen der Kirche anzuführen, anstatt Lutherscher. L. u. W.