# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S17 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die Theologie sonst und jetzt. 17 sichten als Gewährsmann dienen muß; hat man doch versucht, ihn auf solche Weise zu einem Pietisten, ja sogar zu einem Rationalisten zu machen. Daß sich aber heutzutage manche Gelehrte und Ungelehrte für Luthers Meister ansehen, das beweisen die mancherlei tadelnden Urtheile, die gelegentlichen Verdächtigungen und Seitenhiebe, die bei Unwissenden um so schädlicher wirken, je mehr solche Tadler Luthers sich das Ansehen zu geben wissen, als wenn sie sonst die größten Verehrer Luthers wären. Solchen möchte ich folgendes Anerbieten machen. Wenn sie mir nachweisen können, daß sie die sämmtlichen Schriften Luthers also studirt haben, daß sie über alles, was zu den einzelnen Disciplinen gehört, Rede und Antwort geben können, wo und wie Luther davon redet, und wenn sie nächstdem darthun, daß sie sich alles das Gute in der Lehre und Lehrweise Luthers, was sie selbst dafür erkennen, möglichst angeeignet haben, so will ich dann auch über Luthers vorgebliche Fehler mit ihnen in Unterhandlung treten und bin aus eigner Erfahrung im Voraus überzeugt, daß sie in den meisten Fällen ihre Urtheile zurücknehmen oder doch mildern und solche Kleinigkeiten als einzelne Sandkörnchen im guten Brode ansehen werden, die man daraus entfernt, ohne sich dadurch den Genuß des Brodes verleiden zu lassen. O wie glücklich wären wir, wenn in den Schriften namentlich der neuern Theologen nicht mehr solcher Sandkörnchen vorkämen, als man etwa in den Schriften Luthers findet! 4. Sonst hatte man weniger Bücher und ein leichteres Studiren, jetzt macht die Unzahl der Bücher das Studiren immer schwerer. — Es gehört unter die unerkannten Wohlthaten der Reformation, daß dadurch die Kirche von einer großen Bücherlast befreit und dafür mit Luthers und Anderer Schriften gesegnet worden ist, durch welche der Baum der heil. Schrift wieder Blätter gewonnen und reiche Früchte getragen hat. Sollten sie nicht jetzt noch dieselbe Kraft haben, wenn sie fleißig studirt und benutzt würden? Freilich ist dazu unsere Zeit nicht so günstig, als es die Zeit der Reformation war, indem in unzähligen, besonders seit 100 Jahren erschienenen Büchern das ausgerottet wurde, was Luther gepflanzt hatte, und das wiederum gepflanzt wurde, was er ausgerottet hatte. Während die meisten Bücher selbst aus den letzten Jahrzehnten sammt ihren Verfassern bereits vergessen sind, so gelten von Luthers Büchern immer noch die Worte des ersten Psalms: Seine Blätter verwelken nicht. Die Menge der Bücher, die jetzt zu einem gründlichen und allseitigen Studium der Theologie erfordert werden, ist so groß und nimmt noch dermaßen zu, daß oft schon zum Studium einer Disciplin Methusalahs Alter erfordert würde. Was zur Zeit der Reformation und bald nachher noch einem Schneeballe glich, das ist jetzt zur Lawine geworden. Wer z. B. nur die Epistel Pauli an die Epheser gründlich und allseitig studiren will, der muß sich erst nach allen Regeln der grammatisch⸗historischen Interpretation selbstständig hindurcharbeiten, dann muß er außer den sogenannten Einleitungsschriften die Commentare über das ganze Neue Testament von den Kirchenvätern an bis auf die neuesten Ausleger und zwar um der beliebten.