# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S16 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 16 Die Theologie sonst und jetzt. Stande kommt. Der Wahn, es komme nicht sowohl auf die Lehre als auf das Leben an, trennt das, was Gott zusammengefügt hat, wie die Auslegung der ersten Bitte lehrt, und so ist's geschehen, daß die Lehre immer mehr verfallen und das Leben immer weniger gebessert worden ist. Das Papstthum ist einst gefallen, nicht daß Dr. Luther zuerst das böse Leben, sondern daß er die falsche Lehre angegriffen hat. 3. Sonst sahen sich die Theologen für Luthers Schüler, jetzt sehen sie sich für Luthers Meister an. Das zeigt sich in der ganzen Behandlungsweise der Theologie bis auf die kleinsten Einzelnheiten. Vergleicht man die Schriften der Mitarbeiter und treuen Schüler Luthers mit den seinigen, so sieht man darin die Erfüllung des wunderbaren Traumes, den Friedrich der Weise im Jahre 1517 vor Allerheiligentag hatte, daß nämlich aus der gewaltigen Schreibfeder des Mönches an der Wittenberger Schloßkirche eine Menge kleiner Schreibfedern hervorwuchsen und sich in Bewegung setzten. Der gute Sauerteig seiner Lehre und Lehrweise hat alle ihre Schriften durchsäuert, sie sind allzumal Trauben, größere oder kleinere, von jenem fruchtbaren Weinstock; die flüssige Glut des Wortes Gottes aus dem Schmelzofen der Anfechtungen hat sich in sie als in verschiedenen Formen ergossen mit einem Feuereifer für die Ehre des HErrn in seinem Worte und mit einem eisernen Festhalten daran. Dies tritt um so mehr hervor, je näher sie Luthern standen, je länger sie seinen persönlichen Umgang genossen und jemehr sie ihre Vernunft unter den Gehorsam Christi gefangen nahmen. Wo findet sich davon jetzt eine Spur? Man wird schwerlich zwei Predigten von zwei Verfassern aufweisen können, die in der Behandlung eines und desselben Evangeliums oder Katechismusstücks mit einander, geschweige mit Luther übereinstimmen. Ein anderer Vorzug der alten vor der neuen Zeit ist der, daß früher die Theologie als ein Ganzes und jeder einzelne Gegenstand im Zusammenhange mit dem Ganzen behandelt wurde, während man später die Theologie immer mehr in einzelne Disciplinen und diese wieder in unendliche Theile zersplitterte. Sonst machte man einen weisen Unterschied unter dem Nöthigsten, Nöthigeren und Nöthigen und trieb das erstere oder die Hauptsachen immer aufs neue, doch auf die alte Weise, wobei auch die nöthige Allseitigkeit und Vollständigkeit nicht unberücksichtigt blieb; jetzt behandelt man oft Nebensachen als Hauptsachen und umgekehrt, was neben einer gewissen Einseitigkeit eine Art Ueberfluthung zur Folge hat. Früher war die ganze Behandlungsweise einfacher, kürzer, faßlicher und saftiger, wodurch auch das Schwerste leicht gemacht wurde, später zeigt sich das gerade Gegentheil. Früher führten die Theologen allzumal einerlei Rede und dies war die Kirchensprache, deren Vater Dr. Luther war; jetzt führt beinahe jeder Theolog eine andere Sprache, ein jeglicher nach seiner Art. Die jetzt häufigere Berufung auf Luthers Schriften ist oft ein Beweis von der Unkenntniß und dem Mißbrauch derselben, indem er so jedem bei seinen besonderen, oft ganz unlutherischen An⸗