# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S14 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 14 (Eingesandt.) Die Theologie sonst und jetzt. Bei den folgenden Andeutungen schwebten mir die Urtheile Dr. Luthers vor, die er über die berühmtesten Kirchenväter mit eben so viel Ehrerbietung als Unpartheilichkeit ausgesprochen hat. Auch überzeugte ich mich immer mehr von der Richtigkeit des Lobspruchs Melanchthons, des kürzesten und kräftigsten aller mir bekannten: Luther ist alles in Allem. Auf den Endzweck dieser Winke und deren Erfolg möchte ich das Wort Jerem. 6, 16. anwenden: Tretet auf die Wege und fraget nach den vorigen Wegen, welches der gute Weg sei und wandelt darinnen, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele; aber sie sprechen: wir wollens nicht thun. 1. Sonst war der Gegenstand der Herr und der Autor der Knecht; jetzt ist's umgekehrt. — Handelte es sich um die Auslegung der Schrift oder die Darlegung der Lehre, so klang immer das Wort durch: so spricht der Herr; handelte es sich um die Geschichte der Kirche oder der Welt, so hieß es: so berichtet die Geschichte. Eigene Ansichten und Meinungen findet man selten und gewöhnlich nur dann, wenn die Beschaffenheit des Gegenstandes wirklich eine Meinungs⸗Verschiedenheit zuläßt, z. B. bei der Auslegung einzelner Verse oder Worte der heil. Schrift; da heißt es aber namentlich bei Dr. Luther so: das ist meine Meinung, doch dringe ich sie Niemanden auf, will mir aber auch von Niemanden seine Meinung aufdringen lassen. Je näher nach unserer Zeit hin, desto mehr häufen sich die verschiedenartigsten Ansichten und Meinungen, allerlei neu entdeckte Standpunkte und Grundsätze, viele so genannte originelle, geistreiche Gedanken und Auffassungen u. dergl. Da heißt es: betrachtet man die Sache von dieser Seite, so erscheint sie so, betrachtet man sie von einer andern Seite, so erscheint sie wieder anders, ja oft gerade umgekehrt. So gehets denn mit einem Gegenstande wie mit den bunten Glasstückchen in einem Kaleidoscop, die man beim Umdrehen innerhalb der zusammengefügten Spiegelflächen in immer neuen Formen erblickt, die ein Ganzes zu bilden scheinen, ob es gleich nur einzelne Scherben sind. Je berühmter nun der Mann ist, der solche Menschenfündlein vorbringt, desto verführerischer ist es, wie es im Papstthum mit den Glossen der Väter geschah und noch geschieht; und solche Irrthümer werden noch kräftiger, wenn sie sich durch Berufung auf die allgemeine Ueberzeugung der Forscher und mit solchen und ähnlichen Redensarten geltend machen: es ist allgemein anerkannt, es versteht sich von selbst, Niemand zweifelt daran ꝛc. Man vergleiche nur die früheren und späteren Auslegungen der Schöpfungsgeschichte mit Einschluß aller Einwände gegen die Erdumdrehung, die Beschreibungen des apostolischen Zeitalters und in der neuesten Zeit, die verschiedenen Schriften und Aufsätze über Kirche und Amt. Wer sich aus einem solchen Labyrinth der widersprechendsten Meinungen mit ihren unzähligen Beweisen und Gegenbeweisen herausfinden und bei allen solchen verschiedenen Standpunkten zu einem selbstständigen festen Urtheil nach Lehre