# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S11 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1860. 11 Luthern verdächtigt.*) Der ehrliche arglose Luther hatte davon nichts geahnt. Doch bald sollten Luthern die Augen aufgehen. Als er nehmlich sah, daß die Sacramentirer wieder immer kühner auftraten und seine Collegen hierbei ein verdächtiges Schweigen beobachteten, da erklärte er, noch einmal der Wahrheit Zeugniß geben zu müssen. Mit Beben hörte dies Melanchthon. Die Ausführung seines Planes, in der luth. Kirche eine s. g. „moderate“ Lehrweise, bei welcher eine Union mit den Schweizern möglich sei, einzuführen, sah er hiermit hart bedroht. Schon am 11. Aug. 1544 schrieb er daher an Veit Dietrich: „Man sagt auch, er (Luther) werde ich weiß nicht was herausgeben. Wird der Streit über das Abendmahl des HErrn wieder angezündet werden, so wird es größere und traurigere Trennungen geben. Ich habe mich gewundert, daß du Luthern die Schriften Bullinger's und Bucer's hast zeigen wollen. Er hat genug andere, die ihn anreizen.“**) Einen Tag später schrieb er an den Augsburger Eut. Musculus: „Eben erregt unser Perikles“ (Melanchthon meint damit Luthern! — ein in dieser Zeit von ihm Luthern oft gegebener Titel) „innere Kriege. Er donnert wider diejenigen, welche von den Symbolen des Leibes und Blutes Christi anders reden, als er, und greift auch mich zuweilen an. Ich weiß daher nicht, was es mit mir werden wird. Vielleicht werde ich in diesem meinem Alter in Kurzem in die Verbannung gehen müssen.“***) Dasselbe schrieb er am 28. August an Bucer und am 30. d. M. an Bullinger. So wurde denn die Sache endlich ruchbar. Luther beschloß daher nicht nur gegen die Schweizer, sondern zugleich gegen M. zu schreiben. Der Churfürst, welcher auch hiervon gehört hatte, gab nun Canzler Brück eine Instruction zu Verhandlungen mit Luther und Melanchthon. Darin heißt es: „Seine Churf. Gn. müssen sich befahren, so insonderheit Dr. Martinus oder er, der Churfürst, das Haupt legen, daß alsdann die Zweiung gewaltig würde wollen getrieben und vorgenommen werden . . Es besorgte sich auch seine Churf. Gn., daß es die Studenten wohl merken und fassen, und darnach sich unterstünden, solches auch für recht zu vertheidigen wider die erkannte und bekannte Lehre. Daß er aber solches in seiner Universität noch bei seinem und Dr. Martini Leben wissentlich sollte gedulden und einwurzeln lassen und zu zukünftigen ferneren Spaltungen und Aergernissen Raum geben, das wäre ihm seines Gewissens halben beschwerlich. Und wiewohl seine Churf. Gn. die Universität gnädiglich fundirt und derselbigen mit Gnaden geneigt wäre, die auch M. Philippi Melanchthonis halben nicht am wenigsten in großem Aufnehmen stünde: so wolle doch seine Churf. Gn. beiden, D. Luthero und Pomerano, nicht bergen, ehe er diese Spaltung dulden und leiden wollte, gedächte er's dahin zu stellen, obgleich eine geringe *) Ohne Zweifel wird dieses Jahr, in welchem man beabsichtigt, eine kirchliche Secularfeier des Todestages Melanchthon's anzustellen, uns noch öfter Veranlassung geben, gründlich zu zeigen, daß der spätere von dem früheren Melanchthon wohl zu unterscheiden sei. **) S. Corpus Reformatorum. Vol. V. S. 461. ***) L. c. S. 464.