# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S10 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 10 Vorwort zu Jahrgang 1860. gemeinen Wohlfahrt diente.“*) Dieses Geständniß kann auf Luthern keinen Schatten werfen, denn derselbe Melanchthon, der es thut, hat selbst Luthern in der demselben gehaltenen Leichenrede das Zeugniß gegeben: „So muß auch ein jeder, der ihn (Luthern) recht erkannt und oft um ihn gewesen, dieses zeugen, daß er ein sehr gütiger Mann gewesen und, wo er unter Leuten gewesen, mit allen Reden holdselig, freundlich und lieblich, und gar nicht frech, stürmisch, eigensinnig oder zänkisch (contentiosus aut rixator); und war doch daneben ein Ernst und Tapferkeit in seinen Worten und Geberden, als in einem solchen Mann sein sollte . . Daher offenbar ist, daß die Härtigkeit, so er wider die Feinde der reinen Lehre in Schriften gebraucht, nicht eines zänkischen und boshaften Gemüths, sondern eines großen Ernstes und Eifers zu der Wahrheit gewesen ist. Solches müssen wir alle und viel ander fremder Leute, die ihn gesehen und erkannt, von ihm Zeugniß geben . . Ich bin selbst oft dazu kommen, daß er mit heißen Thränen für die ganze Kirche sein Gebet gesprochen. Denn er nahm ihm täglich sondere eigene Zeit und Weile, etliche Psalmen zu sprechen, darunter er mit Seufzen und Weinen sein Gebet zu Gott menget.“ (S. Luthers Werke. Walch. XXI, 353. 354. Vergl. Memoriam funeris Lutheri recolere studet C. G. Hofmannus. Witeb. 1746. S. 97., wo die Rede in ihrem ursprünglichen Idiom, lateinisch, sich findet). Wenn nun Melanchthon doch, wie oben angeführt worden, schreibt, daß er unter Luther in einer fast unerträglichen Knechtschaft geseufzt habe, so verräth er damit nur, daß er Luthern gegenüber offen mit der Sprache herauszugehen nicht gewagt, sondern mit innerem Widerwillen sich Luthern nur äußerlich gefügt, daß daher Luther vieles nicht gewußt hat, was Melanchthon schon zu seinen Lebzeiten hinter seinem Rücken vornahm, daher es denn scheinen kann, als habe Luther gegen Melanchthon's Lehrverfälschung eine Geduld bewiesen, die uns jetzt beschäme. Wie Melanchthon und seine später mit ihm offen weichenden Collegen sich noch bis in das Jahr 1544 Luthern gegenüber gehalten haben, läßt sich aus einem Briefe Luther's schließen, den derselbe in diesem Jahre Montag nach Quasimod. am 21. April nach Ungarn geschrieben hat, wohin das Gerücht gedrungen war, als seien die Wittenberger in der Lehre vom heil. Abendmahl gewichen. In diesem Briefe schreibt nehmlich Luther: „Von Herr Philippen denke ich gar nichts arges, auch von keinem der Unsrigen. Denn, wie gesagt, öffentlich darf der Satan davon nicht mucken.“ (XXI, 1335.) Und doch hatte Melanchthon schon längst mit den Widersachern der reinen Lehre heimlich zusammengehalten und *) „Ego cum decreverit Princeps, etiamsi non probabo, tamen nihil seditiose faciam, sed vel tacebo vel feram, quicquid accidet. Tuli et antea servitutem pene deformem, cum saepe N. magis suae naturae, in qua φιλονεικία erat non exigua, quam vel personae suae, vel utilitati communi serviret.“ Der Brief findet sich abgedruckt in Löscher's Fortges. Samml. von alten und neuen theol. Sachen. S. Jahrg. 1730, S. 381 ff.