# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1860_S9 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Vorwort zu Jahrgang 1860. 9 Luthers Schriften enthalten und in den lutherischen Symbolen niedergelegt sind, dies ist ja freilich unleugbar, und noch mehr: selbst die gröbsten Ketzereien sind darin laut geworden. Allein wenn Herr Pf. Löhe schreibt: „Ehedem, und in ihren besten Zeiten zumeist, wußte die luth. Kirche ihre Richtungen zu tragen“ — so verstehen wir das nicht. Verstünde Hr. Pf. Löhe unter den Richtungen nur jene verschiedene Eigenthümlichkeit, nach welcher z. B. die einen in ihrer Thätigkeit mehr auf Speculation, die anderen mehr auf das Practische gerichtet sind, nach welcher die einen in der Praxis mehr dem Princip der Freiheit, die anderen mehr dem der strengen Ordnung folgen, die einen in Sachen kirchlicher Ordnungen, Einrichtungen, Gebräuche, Ceremonien mehr conservativ, die anderen mehr radical und puristisch verfahren, die einen gesetzlich strenger, die anderen evangelisch milder in der kirchlichen Sittendisciplin sind u. dergl., so hätten wir ja freilich nichts einzuwenden; der gemachte Vorwurf würde uns aber auch in diesem Falle nicht treffen, denn dergleichen verschiedene Richtungen, wie sie unsere Kirche in ihren besten Zeiten allerdings zu tragen wußte, wissen auch wir zu tragen und von den Trennungen und Aergernissen neben der Lehre, die wir gelernt haben, wohl zu unterscheiden. Hr. Pf. Löhe versteht aber unter den verschiedenen Richtungen offenbar verschiedene Lehren, welche wichtige Artikel des christlichen Glaubens betreffen, z. B. von der Kirche, vom heiligen Predigtamt, von den letzten Dingen, und zwar eine Verschiedenheit, bei welcher der eine Theil das kirchliche Bekenntniß ohne Rückhalt, der andere mit wesentlichen Restrictionen zu dem seinen macht. Solche verschiedene Richtungen hat aber unsere Kirche gerade in ihren besten Zeiten nicht getragen; dieselben haben vielmehr, so oft sie sich zeigten, in unserer Kirche Gegenzeugniß und Widerstand hervorgerufen und letztere hat in jenen Tagen nicht geruht, bis die falschen in ihr sich zeigenden Richtungen überwunden waren. Erst als der Pietismus zuletzt wie eine nicht mehr abzudämmende Fluth unsere Kirche überströmt hatte, ist endlich unsere Kirche in den gegenwärtigen Zustand gerathen, in welchem die Uebung der Lehrdisciplin mit dem Bestand unserer Kirche als organisirter Gemeinschaft unvereinbar zu sein scheint. Es ist wahr, Luther hat einen Melanchthon mit bewunderungswürdiger Geduld getragen. Aber hierbei ist Folgendes nicht zu vergessen. Erstlich fügte sich Melanchthon, oft mit großem inneren Widerstreben und Widerwillen, dem noch lebenden Luther gegenüber. Er gesteht, wahrlich zu seiner eigenen schlechten Ehre, in jenem berüchtigten Briefe an Churfürst Moritz Rath, Christoph Carlowitz, im Jahre 1548, als er zur Einführung des Interim mitwirken sollte: „Wenn ich auch das nicht billigen werde, was der Fürst beschließen mag, so werde ich doch nichts aufrührerischer Weise vornehmen, sondern entweder schweigen oder dulden, was auch immer kommen mag. Habe ich doch auch vormals eine fast schmähliche Knechtschaft ertragen, da N. (Luther) oft mehr seiner Natur, in welcher eine nicht geringe Rechthaberei war, als entweder seiner Person, oder der