# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 09 20_S11 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) werdet ihr ungebraten la'n.“ Da man den Holz⸗ ſtoß anzündete, und die Lohe gegen ihn ſchlug, ſang er mit heller Stimme: „IJEſu Chriſte, du Sohn des lebendigen Gottes, der du für uns ge⸗ litten haſt, erbarme dich meiner!“ Als er's zum drittenmale betete, erſtickte der Rauch ſeine Stimme. Aber durch die Flammen ſah man hindurch, wie ſeine Lippen ſich noch betend bewegten, bis er ver⸗ ſchied. Seine Aſche wurde auf den Rhein ge⸗ ſtreuet. (Eingeſandt.) Iſt der moderne Chiliasmus mit dem 17ten Artikel der Augsb. Confeſſion vereinbar? Dieſe Frage iſt ſchon vor mehr, als 100 Jah⸗ ren aufgeworfen und von Verſchiedenen verſchieden beantwortet worden. Mir ſcheint es nicht un⸗ wichtig zu ſein, dieſe Frage nochmals aufzuwerfen, und darf einen das große Anſehen, das die Be⸗ gründer jener Lehre erlangt haben, und noch ge⸗ nießen, nicht ſchüchtern machen, die Frage noch einmal zu erörtern, es falle die Antwort zu ihren Gunſten oder Ungunſten aus. Daß unter dem modernen Chiliasmus die von Spener zuerſt in allgemeinen Umriſſen und ſpäter von Bengel ſchärfer markirt vorgetragene Lehre eines noch zu erwartenden glückſeligen Zuſtandes der Kirche während des tauſendjährigen Gebundenſeins des Satans diesſeit des jüngſten Tages zu verſtehen ſei, kann wohl als allgemein bekannt vorausgeſetzt werden. Spener, obwohl er ſeine „Hoffnung beſſerer Zeiten“ nicht für einen nothwendigen Ar⸗ tikel des Glaubens ausgab, meinte auf Grund etlicher Schriftſtellen, beſonders der Offenbarung St. Joh., einen ſolchen glücklichen Zuſtand der Kirche Chriſti, wie er noch nie da geweſen, er— warten zu dürfen, da nach einer allgemeinen Be⸗ kehrung der Heiden und Juden und dem Fall des römiſchen Pabſtthums das Reich Gottes ſich in⸗ nerlich und äußerlich herrlich ausbreiten würde. Obgleich er der Meinung war, daß dieſer glück⸗ liche Zuſtand identiſch mit dem tauſendjährigen Gebundenſein des Satans ſei, ſo wagte er doch nicht zu beſtimmen, ob jene 1000 Jahre präcis zu verſtehen wären oder nur eine lange Zeit bedeute⸗ ten. Unter den faſt zahlloſen Schülern Speners war es beſonders Bengel, der auf dem Spener⸗ ſchen Grunde ſein eigenthümliches apokalyptiſches Syſtem erbaute, und wiewohl im Allgemeinen Speners Fußſtapfen folgend, ließ er ſich doch in eine genaue Determinirung der 1000 Jahre ein, und wagte ſogar durch eine ſinnreiche Calculation den Anfang derſelben zu beſtimmen. Eine völlige Machtloſigkeit des Satans, ein gänzlicher Fall des Pabſtthums, eine damit zuſammenhängende allgemeine Bekehrung der Heiden und Juden, ein höheres Maß des Geiſtes in den Gläubigen, ein geſegneter fruchtbarer Zuſtand der Erde, das ſind die prominenten Züge ſeines Chiliasmus. Beiden, Spenern ſowohl, als Bengeln, wurde von ihren theologiſchen Gegnern der Vorwurf ge⸗ macht, daß ſie mit ihrer Lehre wider den 17. Ar⸗ tikel der Augsb. Confeſſion verſtießen, woſelbſt es unter andern heißt: „Hie werden verworfen etliche 11 jüdiſche Lehren, die ſich auch jetzund eräugen, daß vor der Auferſtehung der Todten eitel Heilige und Fromme ein weltlich Reich haben und alle Gott⸗ loſen vertilgen werden.“ Beide lehnten dieſen Vorwurf von ſich ab, indem ſie entgegneten, ihre Lehre vom tauſendjährigen Reich habe mit jenen „jüdiſchen Lehren“ nichts gemein, da ſie kein weltliches Reich Chriſti und ſeiner Heiligen, auch keine gewaltſame Vertilgung aller Gottloſen be⸗ haupteten, auch keineswegs aus der ſtreitenden eine triumphirende Kirche machten. Die Augsb. Confeſſion habe bloß den fanatiſchen Chiliasmus der Wiedertäufer, nicht aber dieſen, wie ſie mein⸗ ten, bibliſchen Chiliasmus verworfen. Nun iſt wohl nicht zu leugnen, daß dieſer Spener⸗ Bengelſche Chiliasmus zum öftern ohne Grund mit den gröbſten chiliaſtiſchen Träumereien ver⸗ mengt worden iſt, ihnen auch Folgerungen an⸗ gedichtet worden ſind, an die ſie nicht von ferne gedacht hatten; man muß auch zugeben, daß die Verfaſſer der Augsb. Confeſſion vornehmlich nur zunächſt die Greuel der Wiedertäufer im Auge hatten, die damaliger Zeit im Schwange gingen, durch deren ausdrückliche Verwerfung ſie die Schmähungen ihrer papiſtiſchen Widerſacher zu⸗ rückweiſen wollten, als hätten ſie an jenem Un⸗ fuge Theil. Nichts deſto weniger glaube ich be— haupten zu dürfen, daß auch dieſer moderne Chi⸗ liasmus, von welchem wir hier reden, mit dem 17. Artikel der Augsb. Confeſſion unverträglich iſt und zwar aus folgenden Gründen: Wenn es nemlich ein richtiger Grundſatz aller geſunden Auslegung, ſowohl der heiligen Schrift, als aller menſchlichen Schriften, iſt, daß man in zweifel⸗ haften Stellen auf den Sinn und die Meinung des Schriftſtellers zurückgehen muß, die er anders⸗ wo deutlich ausgedrückt hat, ſo müſſen wir, um den Geſammtverſtand des 17. Artikels der Augsb. Confeſſion zu finden, in die andern Schriften der Reformatoren zurückgehen, um ihre eigentliche Meinung darüber zu finden. Ergäbe ſich, daß ſie zur Zeit der Abfaſſung der Augsb. Confeſſion einen Chiliasmus, ähnlich wie Spener und Ben⸗ gel, behauptet oder daß ſie ſolche Sätze aufgeſtellt hätten, aus denen er in natürlicher Schlußfolge flöſſe, oder daß ſie ihn als ein theologiſches Pro⸗ blem frei gegeben hätten; dann möchte ſich aller⸗ dings der in Frage ſtehende Chiliasmus gegen den 17. Artikel retten laſſen. Ergibt ſich aber, daß ſie dieſen Chiliasmus weder behauptet, noch ge⸗ billigt, noch geduldet haben, daß vielmehr alle einzelnen Glieder ihrer Lehre ſo beſchaffen ſind, daß ſie jedweder Art von Chiliasmus wider⸗ ſprechen, ſo folgt, daß auch der 17. Artikel der Augsb. Confeſſion keinen andern Verſtand haben kann. Bleiben wir der Kürze halber bloß bei Luther ſtehen, in welchem ſich ohnehin der Glaube ſeiner Mitarbeiter concentrirt, ſo ſtellen ſich fol⸗ gende Sätze als ſeine beſtändige Lehre heraus: 1. Die Kirche Chriſti iſt und bleibt ein Kreuz⸗ reich, ſie wird vom Teufel, von Tyrannen und Ketzern bedrängt und geängſtiget und hat keine völlige Erlöſung zu erwarten, als am jüngſten Tage. Je näher dem jüngſten Tage, deſto greu⸗ lichere Zeiten ſind zu erwarten; 2. alle Zeichen des jüngſten Tags an Sonne, Mond und Sternen u. ſ. w. ſind ſo weit erfüllt, daß wir nicht genöthigt ſind, noch andere zu er⸗ warten; 3. das Evangelium iſt bereits zur Apoſtel Zeit aller Creatur gepredigt, die unter dem Himmel iſt; die verheißene Bekehrung der Heiden geht ſeit der Apoſtel Zeit fortwährend in Erfüllung; eine allgemeine Bekehrung aller Heiden ſteht nicht zu erwarten; 4. eben ſo wenig iſt eine allgemeine Bekehrung der Juden zu hoffen, wenn gleich einzelne aus ihnen ſich immer noch bekehren werden; 5. der eine Hauptfeind der Chriſtenheit, der Türke, wird erſt unmittelbar vor dem jüngſten Tage gedämpft werden; 6. der andere Haupfeind, das römiſche Pabſt⸗ thum, iſt ſchon durchs Evangelium gerichtet und wird ſeiner nicht eher ein Ende gemacht werden, als durch die Erſcheinung der Zukunft des SErrn; 7. die 1000 Jahre der Offenbarung St. Joh. ſind bereits abgelaufen; 8. daher iſt nichts anderes mehr zu erwarten, als der jüngſte Tag, welchen Luther nach ſeiner Privatmeinung als ſehr nahe ſich vorſtellte. Daß dieſe acht Sätze die einſtimmige Lehre des ganzen Reformationszeitalters ſind, wird niemand leugnen, der mit den Schriften jener Zeit bekannt iſt, ausgenommen etwa die allgemeine Bekehrung der Juden, die von einigen, ſelbſt von Luthern in ſeinen frühern Jahren gehofft worden iſt. Ver⸗ hält es ſich nun mit dieſen acht Sätzen, wie geſagt, ſo folgt, daß Luther dem modernen Chiliasmus nicht minder, als jedem andern fern war. War Luther ihm aber überhaupt fern, ſo war er's auch bei Abfaſſung der Augsb. Confeſſion und folglich auch des 17. Artikels, wenn gleich der Widerſpruch dagegen nicht ausdrücklich erklärt wird. Der Einwand, daß im 17. Artikel einmal nur der grobe jüdiſch⸗wiedertäuferiſche Chiliasmus ver⸗ worfen iſt, und man nicht weiter gehen dürfe, als die Worte lauten, ſcheint nicht von Erheblichkeit zu ſein und mag wohl ein juriſtiſches, aber nicht theologiſches Argument abgeben; daß man den groben Chiliasmus namentlich verwarf, hatte ſeinen geſchichtlichen Grund in den damaligen wiedertäuferiſchen Umtrieben; daß man aber des feinen, modernen Chiliasmus nicht namentlich gedachte, war ganz natürlich, indem er eine da⸗ mals noch unbekannte Sache war. Gleichwie nun aber der calviniſche Irrthum vom heiligen Abendmahle im 10. Artikel der Augsb. Confeſſion keinen Rückhalt hat, obwohl er nicht namentlich verworfen iſt, als der damals noch nicht geſchicht⸗ lich eriſtirte, oder gleichwie die calviniſche Gnaden⸗ wahl mit der Augsb. Confeſſion unverträglich iſt, obwohl ſie nicht namentlich darin verworfen iſt; derſelbe Fall iſts mit dem Chiliasmus, von dem hier die Rede iſt. Derſelbe hat zwar auch in un⸗ ſerer Zeit zahlreiche Freunde und Lobredner, es iſt bahin gekommen, daß man ihn nicht mehr als eine Privatmeinung oder ein theologiſches Problem aufſtellt, er gilt vielen unſrer Zeitgenoſſen als ein Glaubensartikel und iſt der Mittelpunkt ihres