# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 09 20_S10 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Wohlthäter und Beſchützer der Wahrheit“ nannte, beſchwor er „bei der Barmherzigkeit JEſu Chriſti: Sagt euch los von den Eitelkeiten dieſer Welt und dienet dem ewigen Könige, dem HErrn Chriſtus.“ Noch aber war das Concil zur Fällung des Todes⸗ urtheils noch nicht entſchloſſen. Theils aus Men⸗ ſchenliebe, theils aus Klugheit wünſchte man ihn zu retten, und ſuchte von allen Seiten ihn in ſeinem Kerker zum Widerruf und zur Unterwerfung zu bringen. Huß aber wies jede ſolche Formel als Verleugnung der Wahrheit und als ärgerlich von ſich. Ein frommer Abt muthete ihm zu, wenigſtens ſo viel zu erklären, daß ihm zwar vieles aufgebürdet worden ſei, was er nie gedacht habe, daß er aber doch in Allem demüthig der Entſchei⸗ dung und Verbeſſerung des Concils ſich unter⸗ werfe. Huß antwortete: „Weil ich an IEſum Chriſtum, den mächtigſten und gerechteſten Rich⸗ ter, appellirt habe, ihm meine Sache anvertrauend, ſo ſtelle ich es ſeinem heiligen Richterſpruche an⸗ heim, denn ich weiß, daß Er nicht nach falſchen Zeugniſſen, nicht nach irrthumsfähigen Concilien, ſondern nach Wahrheit und, wie er es verdient, jeden Menſchen richten wird.“ Auch ſein alter Freund und theologiſcher College, Palecz, erſchien im Kerker, und bat ihn, die Schande des Wider⸗ rufs nicht zu ſcheuen. „Verurtheilt zu werden — erwiederte Huß — und auf dem Scheiterhaufen zu ſterben, iſt doch gewiß eine noch größere Schande; aber könnt ihr mir rathen, etwas ge⸗ gen mein Gewiſſen zu thun?“ und Palecz weinte. „Des HErren Macht — ſchrieb der Bekenner, als die Widerrufsforderungen nicht aufhörten — iſt nicht verkürzt, die Macht Deſſen, der den Petrus durch einen Engel aus dem Kerker führte, daß die Ketten von ſeinen Händen fielen. Aber immer geſchehe der Wille des HErrn, der an mir erfüllt werde um ſeiner Ehre und um meiner Sünde willen. Der HErr iſt mit mir als ein tapferer Streiter. Der HErr iſt mein Licht und mein Heil; wen ſoll ich fürchten?“ Das war ſein Sinn, und zwar nicht der Rauſch einer ſchwärme⸗ riſchen Begeiſterung, ſondern die Kraft Gottes, die in dem, ihn durchdringenden Gefühl ſeiner eigenen Schwachheit mächtig war. „Selig ſeid ihr, ſchreibt er am 23. Juni —, ſo euch die Men⸗ ſchen haſſen u. ſ. w.; groß iſt dann euer Lohn im Himmel: ein Wort des herrlichſten Troſtes, leicht zu verſtehen, aber ſchwer im Leiden zu erfüllen. O theuerſter Chriſtus, ziehe uns Schwache Dir nach, denn wenn Du nicht ſelbſt uns ziehſt, kön⸗ nen wir nicht folgen! Verleihe einen ſtarken wil⸗ ligen Geiſt, und wenn das Fleiſch ſchwach iſt, ſo komme Deine Gnade zuvor, ſie begleite, ſie folge; denn ohne Dich können wir nichts, und am we⸗ nigſten um Deinetwillen in den grauſamen Tod gehen.“ Am 5. Juli erſchien die letzte Deputation, vier Biſchöfe und zwei böhmiſche Ritter, darunter Chlum, vom Kaiſer geſandt, um Huß noch ein⸗ mal zum Widerruf aufzufordern. Chlum ſprach: „Ich bin ein ungelehrter Mann, und weiß euch nicht zu rathen. Doch bitte ich euch, ſeid ihr euch irgend eines Irrthums bewußt, ſo ſcheuet euch nicht, eure Meinung nach dem Willen des Con⸗ * — 10— cils zu ändern. Sonſt kann ich euch nicht rathen, etwas wider euer Gewiſſen zu thun.“ Huß ant⸗ wortete unter Thränen: „Ich rufe Gott zum Zeu⸗ gen an, daß ich von Herzen bereit bin, wenn das Concil aus der heiligen Schrift mit eines Beſſern belehrt, ſogleich meine Meinung zu ändern.“ Ein Biſchof erklärte, er würde nie ſo viel von ſich hal⸗ ten, daß er ſeine Meinung der des ganzen Con⸗ cils vorzöge. „Auch ich — entgegnete Huß — bin nicht anders geſinnt. Wenn der Geringſte auf dem Concil mich eines Irrthums überführt, will ich gern dem ganzen Concil zu Willen ſein.“ So war das Todesurtheil entſchieden, und ſollte am folgenden Morgen vollzogen werden. Im An⸗ geſicht des Todes ſchrieb jetzt Huß noch einem jungen Freunde, Peter von Mladonowitz, einige Worte des Abſchieds. Er dankte ihm für alle ihm erwieſene Wohlthat, empfiehlt ihm dringend, „um Gotteswillen“, Sorge um ſeinen größten Freund Johannes, „den treuen und ſtandhaften Ritter“, (Chlum), daß derſelbe nicht um ſeinetwillen in Gefahr komme, bittet ihn, dem Könige für alles ihm erwieſene Gute zu danken, und grüßt die Freunde durch ihn. „Ich bitte euch — ſchreibt er dann noch —, daß ihr nach Gottes Wort lebet, Gott und ſeinem Gebote gehorchet, wie ich euch gelehrt habe. Betet zu Gott für mich, ich bete für euch, mit ſeiner Hülfe werden wir alle zu ihm kommen. Amen. M. Joh. Huß, Knecht Gottes in der Hoffnung. — Nachſchrift: Peter, mein theuerſter Freund, den Pelz behalte dir zum An⸗ denken von mir. Herr Heinrich (Ritter von La⸗ zembog), lebt wohl mit eurer Frau. Ich danke euch für alle Wohlthaten. Gott verleihe euch allen Segen.“ Am 6. Juli, ſeinem 42ſten Geburtstage, wurde Huß aus ſeinem Kerker in die Domkirche geführt, und an einen beſonderen, erhabenen Ort geſtellt. Die ganze Kirchenverſammlung ſammt Kaiſer und Reichsfürſten war zugegen. Der Biſchof von Lodi Jacobus beſtieg (nach ſchon zuvor abgehaltener Meſſe) die Kanzel und predigte über Röm. 6, 6.: „Auf daß der ſündliche Leib aufhöre.“ Huß lag während dieſer Zeit auf ſeinen Knieen und betete ſtill. Nach der Predigt las man laut die ketze⸗ riſchen Artikel vor, die man in ſeinen Schriften wollte gefunden haben. Huß fühlte gleich im Anfange ſich gedrungen, Manches zu erläutern, zu berichtigen u. ſ. w. Man gebot ihm Schwei⸗ gen. Darauf ſprach er laut mit zum Himmel gehobenen Händen: „Ich bitte euch im Namen des allerhöchſten Gottes, hört mich ruhig an, daß ich mich wenigſtens vor den Umſtehenden gegen den Vorwurf der Ketzerei rechtfertigen kann.“ Man hieß ihn wieder ſchweigen. Da fiel Huß nieder, und befahl mit lauter Stimme ſeine Sache Gott dem gerechteſten Richter. Unter den ihm Schuld gegebenen Ketzereien war auch die Leugnung der Brodverwandlungslehre, die er nie geleugnet hatte; die Behauptung, er werde ſelbſt die vierte Perſon in der Dreieinigkeit werden, welche das Concil ſeiner Proteſtation ungeachtet ſich nicht ſchämte von ihm zu glauben, und ſeine Appellation an Chriſtus als Verſpottung der kirchlichen Auto⸗ rität. Als Huß das Letztere hörte, ſprach er: „Siehe, mein guter JIEſus, was Du den Deinen befohlen haſt, das wird von meinen Feinden ver⸗ dammt!“ „Ja — fuhr er fort — ich ſage es ſtand⸗ haft, daß man an Dich am ſicherſten appellire, weil Dich Keiner durch Geſchenke beſtechen, durch Falſchheit oder Liſt keiner täuſchen kann. Dann blickte er den Kaiſer an und ſprach: „Ich habe mich freiwillig zum Verhör geſtellt, unter Treue und Glauben des hier anweſenden Kaiſers.“ Si⸗ gismund erröthete und — ſchwieg. Das Urtheil lautete dahin, daß Huß als ein unverbeſſerlicher Ketzer ſeines Prieſteramtes entſetzt, und dann der weltlichen Obrigkeit zur Beſtrafung übergeben werden ſollte. Nun betete er laut: „HErr Gott, ich bitte Dich um Deiner Barmherzigkeit willen, verzeihe allen meinen Feinden, denn Du weißt, daß ich ungerecht angeklagt und verdammt bin.“ Man zog ihm jetzt den ganzen prieſterlichen Or⸗ nat an, und darauf wurde er nochmals zum Widerruf aufgefordert. Er wiederholte die immer gegebene Erklärung, und wurde nun mit gewiſſen Flüchen ſeines Ornates entkleidet. Den Abend⸗ mahlskelch riß man ihm mit den Worten aus der Hand: „Verdammter Judas, wir nehmen dieſen Kelch von dir, worin das Blut Chriſti dargebracht wird!“ Er entgegnete laut: „Ich aber vertraue der Barmherzigkeit Gottes, daß er den Kelch des Heils nicht von mir nehmen, ſondern, daß ich mit ſeiner Hülfe noch heute in ſeinem Reiche da⸗ von trinken werde.“ Als man zuletzt eine hohe papierene Mütze, mit Flammen und Teufeln be⸗ malt und mit der Aufſchrift Haeresiarcha, ihm aufs Haupt ſetzte, ſprach er: „Mein HErr IEſus hat für mich die Dornenkrone getragen, darum will ich Elender gern um ſeinetwillen die leichtere tragen“ Man rief: „Wir übergeben deine Seele den hölliſchen Teufeln“, und er ſprach: „Ich aber empfehle meinen Geiſt in Deine Hände, o HErr Chriſte, Du mein Erlöſer“ — Hierauf nahm ihn die weltliche Obrigkeit, im kaiſerlichen Auftrage Ludwig Kurfürſt von der Pfalz, in Empfang, und führte ihn hinaus zur Vollſtreckung des Todes⸗ urtheils. Auf dem Wege zum Richtplatze, der auf einer Rheininſel lag, ſah er ſeine Schriften verbrennen. Auf dem Richtplatze ſelbſt angelangt, durfte er nicht mehr zum Volke reden; er betete aber mit ſolcher Inbrunſt, daß das Volk laut ſeine Verwunderung äußerte, wie ein Ketzer es ſo vermöge. Von ſeinen Freunden nahm er nun weinend Abſchied, und auf dem Scheiterhaufen dankte er noch ſeinen Gefangenwärtern. Jetzt wurden ihm ſeine Hände auf den Rücken geknüpft, der Körper mit ſechs feuchten Stricken an einen Pfahl gebunden, und der Hals mit einer Kette angeſchmiedet. Zum letzten Male forderte ihn nun der Kurfürſt zum Widerruf auf. Huß er⸗ klärte: „Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich all mein Predigen, Lehren und Schreiben und all mein Thun dahin gerichtet habe, die Seelen von der Gewalt des Teufels zu retten. So will ich denn dasſelbe mit meinem Blute beſiegeln.“ In dieſen Augenblicken ſoll es auch geweſen ſein, wo Huß die bekannte Weiſſagung auf Luthern aus⸗ ſprach: „Heut bratet ihr eine Gans, aber nach 100 Jahren wird kommen ein Schwan, den