# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 08 03_S139 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) tuitu tantam, quae ex concordia sperabatur, utilitatem rejecisse; d. i. zu deutſch: „End— lich kann Luthern „„eine unbeugſame und ge— bieteriſche Geſinnungsart““ nichtohne Ver— läumdung () vorgeworfen werden, wenn man nicht beweiſt, daß er nicht um des Gewiſſens und der Wahrheit, ſondern um ſeiner Meinung und ſeines Anſehens willen einen ſo großen Vortheil, als man von der Vereinigung hoffte, ausgeſchlagen habe.“ Wir fragen nun einen jeden Leſer, dem es noch um Wahrheit zu thun iſt, wer mag hiernach Hrn. d'Aubigne auch nur in Einem Stücke ſeiner Geſchichte glauben, wenn er die Bücher, aus denen derſelbe eitirt, nicht ſelbſt nachſchlagen kann? denn wem iſt je eine fre— chere Verfälſchung vorgekommen, als die eben entdeckte? Man bedenke: Hr. d'Aubigne nennt nicht nur Seckendorf, er nennt auch das Werk, worin er jenes verläumderiſche Zeugniß von Luthern abgelegt haben ſoll, er gibt ſogar die Seite an, wo es ſtehen ſoll, führt den Satz mit Redezeichen an und, damit der Leſer eine Täuſchung für unmöglich und das Nachſchla— gen für überflüſſig (2) halten ſoll, gibt er die angeblichen Worte in der Sprache des Origi— nals, nehmlich in der lateiniſchen. Was für eine Autorität iſt ein Mann, der mit ſolchen Künſten der Täuſchung ſeine Leſer zu hinter— gehen ſucht? In den Augen wahrheitslieben— der, ja nur vernünftiger Menſchen kann er durchaus keine Autorität ſein. Mag daher Herr Naſt fortfahren, ſeine Verfälſchung mit den Verfälſchungen Hrn. d'Aubigne's zu Wahr— heit machen zu wollen, bei Menſchen, die Ge— ſchichtskenntniß haben, wird er ſich durch dieſe ſchriftſtelleriſche Wechſelreiterei nur verächtlich machen. Wir erklären hiermit Hrn. Naſt: will er über hiſtoriſche Gegenſtände in die Schranken treten, ſo iſt nicht genug, daß er ſich das erſte beſte Buch von Philadelphia ver— ſchreibe und es ein wenig durchblättere; er muß ſich dann vielmehr mit dem Studium der Quellen ſelbſt befaſſen; ſonſt wird er vielleicht noch manchmal mit ſeinen Gewährslenten ſo mit Schanden den Kampfplatz verlaſſen müſ— ſen, wie gegenwärtig mit ſeinem „glücklicher— weiſe“ gefundenen „frommen und gelehrten“ d'Aubigne. Hr. Naſt ſchreibt: „Der Apolo— gete hofft . .. Paſtor Walther noch beſſer mit den Kirchenvätern bekannt machen zu können, als er es in Leipzig wurde;“ ſtellt nun etwa Hr. Naſt hierbei wieder ſeine Zuverſicht auf ein glücklicherweiſe gefundenes Auszugsbüch— lein, wo der ihm nöthige Apparat bereits ge— ſammelt iſt, ſo rathen wir ihm, nicht zu ſchnell zuzufahren, und ja erſt die Citate ſelbſt nachzu⸗ ſehen, ſonſt dürfte er vielleicht der einzige ſein, der ſpäter ſeine Prahlerei nicht belachte. Wir können nicht unterlaſſen, hier ſchließlich unſer tiefſtes Bedauern auszudrücken, daß ge⸗ rade America mit dem Geſchichtswerke des Hrn. d'Aubigne recht eigentlich überſchwemmt worden iſt. Bei dem gerade hier ſo großen Mangel an gründlicher Kenntniß der Geſchichte und an Mitteln, dieſelbe aus ihren Quellen kennen zu lernen, kann es ſeinen Zweck nicht verfehlen, den craſſeſten Indifferentismus zu 139 verbreiten und einer falſchen Union Vorſchub zu leiſten. Das Buch iſt nicht nur darum ſo gefährlich, weil darin die Geſchichte in drama— ö tiſch⸗romautiſcher Form mit franzöſiſcher Leich— tigkeit überaus anziehend erzählt iſt, ſondern weil ſich der reformirte Verfaſſer auch den Schein großer Unparteilichkeit dadurch gibt, daß er Luthern auf der einen Seite in ſeiner hervorragenden Geſtalt als den Helden ſeiner Geſchichte darſtellt, während er auf der andern Seite unvermerkt immer mehr Schatten auf den theuren Gottesmann wirft und ſelbſt, wie wir geſehen haben, die offenbarſten Geſchichts— verfälſchungen nicht verſchmäht, um Luthers treuen Kampf für die Reinheit des Wortes ge— gen die reformirten Verfälſchungen aus der Giftquelle des Stolzes herzuleiten. Wie er— bärmlich ſteht Luther nach d'Anbigne's Darſtel⸗ lung in Marburg da! Gleich einem eigenſin— nigen Kinde, das, wenn ihm der Wille nicht gethan wird, boshaft mit den Füßen ſtampft. Der reichbegabte Verfaſſer wird einſt allein den Schaden zu verantworten haben, den er durch ſeine nuredliche Darſtellung eines der größten Werke Gottes bereits angerichtet hat und noch anrichten wird. Wer Wahrheit ſucht, ſei gewarnt. (Eingeſandt.) Ein Wort über Kirchenmelodien. Man hört vielfach in unſerer Zeit klagen, daß der geiſtliche Geſang in den Häuſern und Familien abgenommen habe und äußerſt ſelten geworden ſei. Und es iſt leider nur allzuwahr, daß unſere Zeit in dieſer Beziehung von der früheren ſehr abſticht. Während ſonſt in den meiſten Familien der Hausvater des Morgens und des Abends mit den Seinen ein ernſtliches Lied ſang und die Stille der Sonntagnachmit— tage auf eine liebliche Weiſe durch den geiſtli⸗ chen Geſang unterbrochen wurde, der aus manchem Hauſe ertönte, alſo, daß man unwill— kührlich an die Worte erinnert werden mußte: „Gott, man lobet dich in der Stille zu Zion und dir bezahlet man Gelübde“ (Pſ. 65, 2) — ſo vernimmt man jetzt ſelten ein ſolches Gottes-— lob mehr in den Häuſern und der geiſtliche Ge— ſang iſt faſt ganz allein auf den öffentlichen Gottesdienſt beſchränkt. Was mag wohl die Urſache dieſer traurigen Erſcheinung ſein? Es möchten mancherlei Gründe angegeben werden können, namentlich der, daß in der Zeit des Rationalismus unſere Kirchenlieder ihrer Kraft und Salbung beraubt wurden, und daß damit auch die Luſt am Geſange derſelben dahin fal— len mußte. Allein ſo wenig die Richtigkeit dieſer Behauptung geleugnet werden kann, ſo iſt doch die Liederverfälſchung nicht der allei— nige Hauptgrund. Ihr zur Seite ſteht ein eben ſo wichtiger. Es iſt wiederholt und gründlich in der jüngſten Zeit von hymnologiſchen For— ſchern nachgewieſen worden, daß hauptſächlich auch die Verfälſchung der Kirchen⸗ melodien das Verſchwinden des geiſtlichen Geſangs in den Häuſern und den Verfall deſ⸗ ſelben in den Gottesdienſten herbeigeführt hat. Vielleicht mag mancher Leſer der Meinung ſein, als habe man ſonſt die geiſtlichen Melo— dien ebenſo geſungen, wie jetzt. Allein ein Blick auf die Choralſammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts lehrt, daß der frühere Kir— chengeſang von dem heutigen ein durchaus ver— ſchiedener war. Heutiges Tages beobachtet man keinen Unterſchied hinſichtlich des langſa— meren oder ſchnelleren Vortrages; früher hielt man ſtreng auf dieſen Unterſchied und ſang Lieder, in denen ſich Freude ausſprach, ſchnel— ler, und Lieder, die Schmerz und Trauer aus— drückten, langſamer. Sonſt ergötzte man ſich an einfachen, großartigen Tönen und vermied, ſo viel wie möglich, Durchgänge, überflüſſige Verzierungen und Schnörkel; jetzt ſcheut man die Abgränzung der einzelnen Intervalle, ſingt keine Sexte, Quinte, Quarte, ja oft nicht ein— mal eine Terz mehr, ohne ein oder zwei durch— gehende Töne anzubringen, und der Schnörkel und unnützen Verzierungen ſind ſo viele, daß faſt jede Gemeinde ihre beſonderen hat. Einſt bewegte ſich die geiſtliche Melodie abwechſelnd in ganzen, halben, Viertels- und Achtels-Tönen, und hatte nicht nur den geraden Tact, ſondern auch vielmals den ungeraden, ſo daß alſo eine Mannigfaltigkeit hinſichtlich des Rhythmus (Zeitmaßes) ſtattfand und dem Taete nach das geiſtliche Lied dem weltlichen faſt gleich kam; nun macht man in Betreff des Zeitmaßes gar keinen Unterſchied, hält einen Ton ſo lange aus, wie den andern, und bedient ſich faſt durch⸗ gängig des geraden Tactes. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die frühere Singweiſe den Vorzug habe. Der zum Liede die Melodie dichtet, iſt des Dichters an— deres Ich, und die Melodie muß ja nothwen— dig aus dem Inhalte des Liedes ſelber hervor⸗ gehen, wenn ſie den Charakter deſſelben nicht verwiſchen oder gar ihm widerſprechen will. Würde man z. B. etwa die Lieder: „Nun freut euch lieben Chriſteng'mein ꝛc.“ und „Aus tiefer Noth ſchrei ich zu dir“ ꝛc. in einerlei Weiſe und nach einerlei Melodie ſingen kön— nen? Würde man nicht, um den Inhalt beider Lieder auszudrücken, das erſtere in einer mun— teren, das letztere in einer klagenden Weiſe, dieſes langſam, jenes raſch zu ſingen haben? Der Inhalt des Liedes muß ſich alſo wie durch die Tonart und Tonfortſchreitung, ſo auch durch raſchen, gemäßigten oder langſamen Vortrag kund geben. Zu dieſer Einheit der Melodie mit dem Liede und der vollkommenen Ausprägung des Charakters deſſelben aber trägt ganz beſonders der Rhythmus bei. Wenn die einzelnen Wörter aus längeren und kürzeren Sylben beſtehen, ſo ſind ſchon dadurch längere und kürzere Töne in der Melodie be— dingt; und wenn in der menſchlichen Rede je— der Satz Melodie und Rhythmus hat, und im Vorleſen eines geiſtlichen Liedes die Empfin⸗ dung des Leſenden ſich hauptſächlich in dem bald längeren, balb kürzeren Ausſprechen der einzelnen Worte und Sätze kund gibt, ſo iſt ja klar, daß ſolches auch bei dem Singen eines geiſtlichen Liedes ſtattfinden kann und muß, und es iſt ſchwer zu begreifen, wie der Charak⸗ ter des Liedes ſich völlig durch die Melodie ausſprechen, und die Empfindung des Sängers 4⁵