# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 07 07_S131 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Was nun ferner die Unterlaſſung des Brod— brechens betrifft, die man der luth. Kirche auch nicht ſelten zum Vorwurf gemacht hat, ſo iſt dieſer Anklagepunct ſchon von größerer Wichtigkeit als der vorgenannte. Es iſt nehmlich allerdings wahr, daß uns die heil. Evangeliſten ausdrücklich melden, Chriſtus habe vor Austheilung des geſegneten Brodes daſſelbe erſt gebrochen. Hieraus zieht man daher von Seiten der Reformirten den Schluß: alſo ſei es zu einem rechten Abend— mahle offenbar durchaus nöthig, daß das Brod dabei gebrochen werde. Um hierüber zu entſcheiden, iſt vorerſt die Frage zu erörtern, was denn eigentlich zu dem Weſen des heil. Abendmahls gehöre. Es iſt nehmlich klar, daß die heil. Evangeliſten meh— rerer Umſtände, die bei der Stiftungsfeier des heil. Abendmahls ſtatt gefunden haben, auch ausdrücklich erwähnen, die doch von nie⸗ manden für weſentlich zu einer rechten Feier des heil. Abendmahls angeſehen werden. Sie erzählen uns z. B. ausdrücklich, daß das erſte heil. Abendmahl in einem Gaſthauſe, zur Abendzeit an einem Tiſche, unmittelbar nach einem Abendeſſen, während die Speiſenden auf Ruhebänken lagen ꝛc., gefeiert worden ſei. Wollte man nun ſagen, daß alles, was die Evangeliſten von den Umſtänden der Stif⸗ tungsfeier erzählen, zu einer jeden rechten Abendmahlsfeier nothwendig erforderlich ſei, ſo müßten auch nothwendig alle die genannten Umſtände hierzu gerechnet werden. Wer wird aber das behaupten? Jedermann ſieht vielmehr ein, daß ſich alle dieſe Umſtände nach der Zeit und dem Orte richten, wenn und wo gerade je⸗ desmal das heil. Abendmahl gefeiert wird, und nach den Sitten und Gebräuchen, die gerade herrſchen. Unter dieſe Umſtände rechnen denn wir Lutheraner auch dieſen, daß Chriſtus das Brod bei der Einſetzung des hl. Abendmahls brach. Es iſt bekannt, daß die Juden nicht wie wir Deutſchen, hohes, ſondern dünnes Brod in der Form unſerer Kuchen gebacken haben, das, wenn man es genießen oder aus⸗ theilen wollte, erſt gebrochen werden mußte. Daher kommt es, daß in der hebräiſchen Spra— che das Brod brechen ſo viel heißt, als austhei⸗ len. Z. B. Jeſ. 58, 7. „Brich dem Hungrigen dein Brod.“ Klagl. 44. „Die jungen Kinder heiſchen Brod, und iſt niemand, der es ihnen breche.“ Hiermit iſt natürlich nicht gerade ge— ſagt, daß das Brod der Armen nothwendig ge— brochen, ſondern nur überhaupt, daß es unter ſie ausgetheilt werden ſolle, was aber bei den Juden eben vermittelſt des Brechens geſchah. Da nun einſt in jener Nacht von dem vorhergegaugenen Abendeſſen noch dergleichen Brod übrig geblieben war, ſo mußte es Chri⸗ ſtus ja freilich auch brechen, wenn er es jetzt unter die Jünger austheilen wollte; dies war ſo nöthig, als daß man, da es Abend war, ein Licht anzündete. Damit hat aber Chriſtus kei⸗ neswegs den Befehl gegeben, daß dieſe Art der Austheilung zu allen Zeiten und an allen Orten, auch wo kein zu brechendes Brod im Gebrauch iſt, beobachtet werden müſſe. Das ſei ferne! Auch diejenigen Chriſten, welche das 131 Brod im h. Abendmahl nicht in Stücken zu zer— brechen pflegen, bleiben daher doch, wie die erſten Chriſten „in der Apoſtel Lehre, und in der Gemeinſchaft, und im Brodbrechen,“ wenn nehmlich das geſegnete Brod nur nach Chriſti Einſetzung unter ihnen ausgetheilt und im wahren Glauben genoſſen wird; ſo wie diejenigen jenes Gebot halten, Jeſ. 58, 7., die den Armen kein abgebrochenes Stück Brod, ſondern ein ganzes geben. Wir Lutheraner halten es jedoch darum nicht etwa an und für ſich unrecht, das Brod geraͤde ſo zu brechen, wie es Chriſtus gebrochen hat, wir halten es nur aus den angegebenen Gründen für ſo wenig nöthig, als, daß man dabei um einen Tiſch liege, die Feier Abends anſtelle, erſt eine ge— meine Mahlzeit halte, und dergleichen. Die Sache iſt ſo klar, daß ſie jedermann wohl einſehen kann; wir müſſen aber dennoch fürch— ten, daß vielleicht mancher, der nicht gewohnt iſt, ſcharf zu denken, meint, wir ſtellten dies nur ſo dar, um unſere Kirche zu rechtfertigen. Um ſolcher willen wollen wir die Zeugniſſe zweier berühmter reformirter Kirchenleh— rer anführen, die zwar die Lutheraner wegen Unterlaſſung des Brodbrechens getadelt haben, aber dennoch haben bekennen müſſen, daß daſſelbe weder von Chriſto geboten ſei, noch zu dem Weſen des h. Sacraments gehöre. Der erſte iſt Beza (ſeit 1558 inniger Freund und Amtskollege Calvin's in Genf), welcher ſchreibt: „Es iſt gleich viel, ob man Eine Maſſe während der Handlung in viele Stücke bricht, oder ob man kleine runde Brode aus-⸗ theilt, die nach der Maſſe ſchon vorher in Stücke getheilt worden ſind.“ (Lib. 99 et resp. 9. 194.) An einer andern Stelle ſchreibt der— ſelbe: „Es iſt doch das Abendmahl, wenn nur die Hauptſache und das reine Weſentliche beob— achtet wird, wenn man auch das Brodbrechen unterläßt.“ (Epist. 2. Vol. 3. p. 169.) Der zweite iſt Zanchius (ſeit 1553 Pro⸗ feſſor zu Straßburg, ſpäter zu Heidelberg); dieſer ſchreibt: „Die Brodbrechung iſt nicht einzuführen, wenn der größere Theil der Kirche dagegen iſt, daß nicht um deswillen eine Spal— tung entſtehe, und indem wir das Brod brechen wollen, zugleich den Leib der Kirche zerbrechen und zerreißen . .daß manche meinen, das Bre— chen ſei um dieſer Worte willen geboten: „„Solches thut zu meinem Gedächtniß,““ darin irren ſie ſich nach meinem Urtheil, ſowohl weil es offenbar iſt, daß dieſes Gebot nicht auf die That Chriſti: „„er brach's,““ ſondern auf den Befehl, das Brod zu nehmen und zu eſſen, zu beziehen iſt; als auch darum, weil ſonſt folgen würde, daß unſere Prediger unrecht daran thun, daß ſie allein das Brod brechen, da dieſer Befehl, (wenn er auch von dem Brodbrechen verſtanden würde) nicht allein ſie ſelbſt, ſondern alle Gläubige anginge, zu denen allen er vorher geſagt hatte: Nehmet, eſſet.“ (Lib. Epist. I. f. 238.) Woher kommt es denn nun, daß dem uner⸗ achtet ſo viele Reformirte ſo ernſtlich und ſtreng auf das Brodbrechen dringen? Die Urſache iſt nicht ſchwer zu errathen. Sie halten die Sa⸗ cramente nur für Ceremonien, die keine Gnade geben, ſondern dieſelbe nur anzeigen, bedeuten und vergegenwärtigen ſollen. Von der heil. Taufe glauben ſie, ſie wirke die Wiederge⸗ burt nicht, ſondern bedeute ſie nur, ſie ſei nicht eine Ausgießung des h. Geiſtes, ſondern zeige ſie nur an. Von dem heil. Abendmahl glauben ſie, es ſei darin der Leib und das Blut Chriſti nicht etwa wahrhaftig gegenwärtig, ſon— dern dieſe himmliſchen Güter würden darin unter dem Brode und Weine nur vergegenwär⸗ tigt; das heil. Abendmahl ſei eigentlich nichts als ein Schanſpiel, bei welchem durch allerlei Ceremonien das Leiden Chriſti vorgeſtellt und ſo ins Gedächtniß gerufen werden ſolle; ſo ſolle z. B. eben das Brechen des Brodes anzeigen, daß der Leib Chriſti zerbrochen worden ſei. Bei ſolcher Lehre müſſen die Reformirten freilich auf das Brodbrechen halten, weil nach ihnen geraͤde hierin die Hauptſache ihres Abendmahls liegt. Es kann jedoch jeder leicht einſehen, wie ir⸗ rig jene Annahme ſei, denn erſtlich iſt der Leib Chriſti gar nicht im eigentlichen, ſondern nur in einem bildlichen Sinne zerbrochen worden (Joh. 19, 36. Vergl. 2 Moſ. 12, 46.); hätte aber das Brodbrechen eine ſymboliſche Hand⸗ lung ſein, und dadurch etwas bedeutet wer⸗ den ſollen, ſo könnte natürlich das, was dadurch bedeutet wird, nicht wieder etwas Bildliches, ſondern das müßte etwas Wirkliches, alſo eine wirkliche Zerbrechung des Leibes Chriſti ſein; da aber eine ſolche, wie geſagt, nicht geſchehen iſt, ſo iſt es klar, daß Chriſtus nur darum das Brod gebrochen habe, weil er es austheilen, nicht aber, weil er damit eine ſymboliſche Handlung einſetzen wollte. Dies iſt übrigens auch daraus nothwendig zu ſchließen, weil Chri⸗ ſtus auch in dieſem Falle geboten haben müßte, etwas von dem Weine zu vergießen, um damit auf der andern Seite dadurch auch die Vergie⸗ ßung ſeines Blutes ſymboliſch anzuzeigen.“) Außerdem erwähnen wir nur, daß es offenbar läſterlich wäre, wenn ein Diener der Kirche den Leib Chriſti auch nur ſymboliſch zerbrechen wollte. Hätten nun die Reformirten allein darum auf das Brodbrechen gedrungen, weil ſie dieſer Ceremonie eine Bedentung beilegten, die ſie nach dem Willen Chriſti gar nicht haben ſollte, ſo wäre ſchon das bedenklich, und Grund genug, jene Ceremonie lieber fahren zu laſſen, damit durch dieſelbe nicht zu einer Deutung wider Chriſti Sinn Veranlaſſung gegeben werde. Aber die Reformirten ſind noch weiter gegan— gen; ſie haben es ſogar unverhohlen ausge⸗ ſprochen, daß ſie mit der ſtrengen Feſthaltung jener Ceremonie bezweckten, den Chriſten die bibliſche Lehre von der Gegenwart des Leibes *) Daß die Reformirten es fühlen, wie beides zuſammen gehöre, ſieht man deutlich aus ihren Reden, die ſie von beiden führen, wodurch ſie aber auch offenbaren, daß ihre Gedanken ſelbſtgemachte ſind. Wir verweiſen hier nur auf eine Stelle aus dem „Anfang und Fortgang der Gottſeligkeit“ des refor⸗ mirten Doddridge, welcher alſo lautet: „Man ſehe das Brod an, wie es gebrochen, und den Wein, wie er gegoſſen (4) wird; gibt nicht ſolches eine rührende Vorſtellung unſeres JCſu, wie ſein Leib durch ſeine Leiden in Stücke zerriſſen (2) und ſein heil. Blut nicht anders wie Waſſer auf dem Erdboden verſchüttet iſt?“ (Siehe Ausgabe der americ. Traktat-Geſell⸗ ſchaft, S. 247.) 44