# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 07 13_S125 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 3. St. Louis, Mo., den 13. Juli 1847. No. 23. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. (Eingeſandt.) Geſpräch zweier Lutheraner über kirch⸗ liche Verfaſſung. II. Sobald die erſten Strahlen der jungen Mor⸗ genſonne erglänzten, fand Siegfried ſeinen Freund Erich mit den Seinigen ſchon zur Mor⸗ genandacht verſammelt. Ein Knabe brachte die Hausbibel, die Kleinen traten um den Tiſch, falteten andächtig ihre Hände, während der Vater das Gebet ſprach, und hörten aufmerkſam zu, als er ihnen die Worte der ewigen Wahr— heit vorlas. Darauf erbauten ſie ſich mit ein— ander aus unſern ſchönen lutheriſchen Liedern, welche mit der Zeit nicht altern, ſondern immer jung und duftig die Seele zum Lobe Gottes wecken und auf friſchen Auen weiden. Der Geſang verſtummte, ein tiefes Schweigen er— folgte, als ob die lieblichen Töne in den Her⸗ zen noch einen langen Nachhall fänden. Wie fein und lieblich iſt es doch, unterbrach es Siegfried, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen. Erich. Und wie ſchön, daß unſer HErr Chriſtus dieſes freie, brüderliche Verhältniß der Chriſten ausdrücklich gebietet in den Wor— ten: Einer iſt euer Meiſter, ihr aber ſeid alle Brüder. Siegfried. Ueberhaupt iſt daſſelbe erſt in der Zeit des neuen Bundes zu ſeinem Rechte gekommen, während im alten Bunde das elter⸗ liche Anſehen vorherrſchte. E. Chriſtus nennt uns ſelber ſeine Freunde und ſeine Brüder. Es iſt in der That über— wältigend: Chriſtus unſer Bruder und unſer Gott. S. Mit dieſer Betrachtung ſind wir wieder auf den heiligen Bergen, wo die Freiheit wohnt. Es gibt nur eine wahre Freiheit, von welcher Chriſtus ſagt: So euch der Sohn frei macht, ſo ſeid ihr recht frei, das iſt die Freiheit von dem Zwang und Fluch des Geſetzes und von der Knechtſchaft der Sünde, und die Frei⸗ heit, Gott zu dienen in der Weiſe, die er uns in ſeinem theuren Worte offenbart. Unſere Freiheit iſt das edelſte Gnadengeſchenk, welches Chriſtus den Seinen gab, als er das Gefäng— niß gefangen geführet hatte. Wer vermag doch die Herrlichkeit dieſes köſtlichenjKleinodes genug zu rühmen und zu preiſen! Nur in ihrer freien Selbſtregierung kann die Kirche ihre volle Schönheit entfalten. E. Darum darf auch kein Rabbi, Meiſter, Vater oder Pabſt in der Kirche ſein, wenn wir beſtehen wollen in der Freiheit, damit uns Chriſtus befreit hat, und uns nicht wiederum in das knechtiſche Joch fangen laſſen. S. Alle Gemeinſchaft, Verbindung und Verfaſſung der Chriſten muß brüderlich ſein, wenn ſie chriſtlich ſein ſoll. Sobald eine falſche Vaterſchaft, Prieſterſchaft oder Meiſterſchaft, ſei ſie nun geiſtlich oder weltlich, allein herr— ſchen will, ſo iſt ſchon wieder ein neues Pabſt⸗ thum da; brüderliche Liebe verbindet die Chri⸗ ſten dann nicht mehr, ſondern über ihnen dräuet zornig die Geißel des Geſetzes in der Hand der Tyrannen. E. Vor ſolcher Geißel wollen wir uns hü⸗ ten, Siegfried. S. So lange wir wenigſtens Chriſten ſein wollen, dürfen wir nicht dulden, daß Menſchen über unſere Gewiſſen oder unſere Gemeinden herrſchen, ſondern nur Gott allein durch ſein Wort. E. Die heil. Schrift ruft uns ſo ernſt, ſo dringend zu: Ihr ſeid theuer erkauft, werdet nicht der Menſchen Knechte. S. Gnade, Wahrheit und Frei⸗ heit iſt die Loſung unſerer Kirche, dieſe Güter gibt ſie Jedem, welcher zu ihr kommt. O es iſt eine Wonne, der Kirche, der lutheriſchen Kirche anzugehören! Wir ſind allzumal Einer in Chriſto, frei und gleiche Brüder; vor Gott ſo wenig, als vor uns gilt ein Anſehen der Per⸗ ſon, wenn wir auch bereitwillig einen Unter⸗ ſchied der Gaben und Aemter anerkennen; es iſt alles euer, verſichert uns der Apoſtel. — Siehe, die Kirche, die von Gott gekrönte Kö⸗ nigin, mit ihren Füßen wandelt ſie noch auf Erden, aber Herz und Haupt hat ſie zum Him-— mel erhoben. E. Der Apoſtel ſagt zwar: Alles iſt euer, aber die Tyrannen ſprechen, euer iſt nichts. Du weißt, Siegfried, die Tyrannei deutſcher Conſiſtorien iſt in America eben ſo verhaßt, als die Tyrannei des Pabſtthums. Ob Schafe ſich wohl auch ſelber einen Hirten wählen könn— ten? hat ein Conſiſtorium einer Gemeinde geantwortet, die ſelbſt ihren Prediger zu beru— fen wünſchte. Ich ſehe zu meiner Freude, daß du die Freiheit der Kirche noch liebſt, deſto un⸗ begreiflicher iſt es mir, wie du dich einer Sy⸗ node anſchließen konnteſt. S. Unſere Synode iſt eine freie, chriſtliche, deutſche Verſammlung. Synode heißt: Ver⸗ ſammlung, und zwar eine ſolche, die ſich mit kirchlichen Angelegenheiten beſchäftigt. Nicht wahr, Lutheraner dürfen ſich doch verſammeln, oder haben ſie dieſe Freiheit nicht? — E. Sie dürfen ſich aber nicht verſammeln, um andere ihrer Rechte und Freiheiten zu be⸗ rauben. S. Das wollen ſie auch nicht; in ihrer Verfaſſung ſteht ausdrücklich als Grund für die Bildung eines Synodal-Vereins: Schützung und Wahrung der Rechte und Pflichten der Paſtoren und Gemeinden. E. Gerade von Seiten der Paſtoren fürchte ich am meiſten Gefahr für unſere kirchliche Freiheit. Wie leicht kann geiſtlicher Hochmuth ſie plagen, daß ſie nach der Herrſchaft trachten, und wie leicht können ſie bei ihrer gelehrten Bildung ſich das Uebergewicht verſchaffen und dann iſt es um unſere Freiheit geſchehen. S. Dafür iſt geſorgt, denn jede Gemeinde ſendet außer ihrem Paſtor auch einen Deputir⸗ ten zu der Synode, der daſſelbe Recht zu reden, zu rathen und zu ſtimmen hat, wie der Paſtor. E. Aber, das Uebergewicht der Paſtoren durch ihre gelehrte Bildung, fürchteſt du davon nichts S. Wovor fürchtet ſich denn ein Luthera— ner, wenn er Gottes Wort für ſich hat? weder vor Pfaffen, Secten und Rotten, noch vor der Weisheit der ganzen Welt, denn mit Gottes Wort muß er in jedem Streite ſiegen. Es war ein einfacher Chriſt, welcher den heidniſchen Philoſophen durch die ſchlagende Gewalt ſeines Glaubens beſiegte, während alle Biſchöfe ver— geblich ihn zu widerlegen ſuchten. (Siehe Lutheraner Jahrg. 1. No. 1.) E. Du findeſt es alſo nicht bedenklich? S. Nein. Gelehrſamkeit und wiſſenſchaft⸗ liche Erkenntniß beſitzen ja unſere Paſtoren, um damit ihren Gemeinden zu dienen, nicht um dadurch über das Volk zu herrſchen. Wollten ſie letzteres wirklich verſuchen, ſo hörten ſie da— mit ſchon auf, Chriſti Diener zu ſein. E. Aber man hat Beiſpiele davon genug. S. Leider. Was beweiſen ſie aber? an wem liegt die Schuld, daß es herrſchſüchtigen Prieſtern gelingt, durch ihr geiſtiges Ueberge— wicht die Gemeinden des HErrn zu knechten?