# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 29_S121 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) E. Die Schrift muß erfüllt werden, auch in unſeren Tagen. S. Des wollen wir uns tröſten, Erich, laß uns das Land unſerer Väter nie vergeſſen, denn Gottes Gnade und ihr Segen haben uns hier die rechte, wahre kirchliche Freiheit ge— ſchenkt. Gott erlöſe auch unſere Brüder vom Tyrannenjoche. E. Ja, das laß uns beten, hoffen und har⸗ ren bis zum letzten Athemzuge. Die Sonne ſank am klaren, weſtlichen Him-— mel, die endloſen Prairien füllten ſich mit wei— ßem Nebel, während der Strom am Fuße des Hügels im Schatten der hohen Urwälder, welche ſein Ufer umkränzten, dunkler dahinfloß. Tiefe Stille herrſchte, ſchweigend ſaßen die beiden Freunde Hand in Hand und ſchauten dem Ge⸗ ſtirne des Tages nach, wie es mit ſeinen röth— lichen Strahlen zum letztenmal freundlich grü— ßend von ihnen Abſchied nahm. Laß uns gehn, Siegfried, ſagte Erich auf— ſtehend, es iſt Nacht über unſern Geſprächen geworden, ſchon fällt der Thau und der kalte Wind fährt daher. (Fortſetzung folgt.) (Eingeſandt.) „Die proteſtautiſche Kirche als Con⸗ vertitin, d. h. auf dem Wege zur ka⸗ tholiſchen Kirche begriffen.“ Unter dieſer Ueberſchrift ſchreibt der „Wahr— heitsfreund,“ Jahrg. X. No. 31. S. 242 Fol⸗ gendes: „Dieſes, Vielen paradox, Vielen ſogar lä— cherlich klingende Thema will ich nur andeu— tend beleuchten; denn in's Detail einzugehen, verbieten beſtehende Verhältniſſe und Einrich— tungen. Aber ſchonend, klar und wahr will ich mich kurz faſſen: I. Wann convertirt man? Sobald man po⸗ ſitiven Halt in Sachen der Religion verloren und die Sehnſucht darnach beibehalten hat. Alle Synoden der proteſtantiſchen Kirche, alle Verſuche Einzelner und der Maſſen zur Con⸗ ſtituirung einer Kirche beweiſen den erſten und zweiten Satz. Alſo iſt die proteſtantiſche Kirche eine Convertitin. II. Aber irrt ſie in Hegung des ſogenannten Deutſchkatholicismus, Errichtung freier Ge— meinden, Verwerfung jeden Dogma's nicht mehr als je vom Centrum der katholiſchen Kirche nach allen Puncten der Peripherie ab? So ſcheint es. Aber wann kehrt der verirrte Sohn zum Vater zurück? Nachdem er das Aeußerſte verſucht hatte. Alſo — III. Wollen die Proteſtanten Proteſtanten bleiben, ſo frage ich: gegen was proteſtiren ſie? Gegen die katholiſche Kirche? Unmöglich und im Ernſte nicht, denn wer wird gegen etwas proteſtiren, was er nicht kennt? Weder die Maſſe, noch auch nur ihre Gelehrten kennen die katholiſche Kirche. Wer darf ihnen den Unſinn zutrauen, gegen ein unbekanntes X zu proteſtiren? Gegen die Kirche proteſtiren ſie nicht, ſie wollen ja eine bauen und gegen die katholiſche auch nicht, denn wer wird ſeine Kir— che nicht katholiſch wünſchen? „Wir proteſti⸗ 121 ren, ſagen ſie, nur gegen menſchliche Antorität in Glaubensſachen.“ Getroffen, Brüder, da ſind wir einig; wir Katholiken glauben auch nur einer göttlichen Autorität; aber kann, muß ſie nicht menſchlich vermittelt ſein, um zu wiſ⸗— ſen, was und wo ſie iſt? Ihr lieben, proteſtan⸗ tiſchen Brüder proteſtirt offenbar —gegen euch ſelber; oder zeigt mir ein anderes Object, ge— gen das eure Proteſtation gerichtet iſt. Das geht unmöglich, weder nach logiſchen Geſetzen, noch nach den Bedürfniſſen des Herzens, in die Länge. Alſo — — IV. Ohne Vorderſätze gibt es keinen Schluß, ohne Schluß kein Denken, ohne Denken kein Beſtehen. Wollt ihr Proteſtanten alſo ein phi— loſophiſches Daſein, ſo muß ich euch ſagen, daß nicht Zwei unter euch auf ein Drittes hin zu— ſammenſtimmen dürfen, denn dieſes Dritte wäre Autorität, d. h. Vernichtung des Prote— ſtirens, alſo könnt ihr keine denkgläubige Kir— che gründen, weil dieſe eine Uebereinkunft in einem von einer Auzahl anzuerkennenden Hö-— heren vorausſetzt. Entweder Unterwerfung un— ter ein höheres Object; erſteres iſt katholiſch, letzteres iſt Selbſtvergötterung, der erſte Schritt zur Selbſtvernichtung. Letzteres will kein Ver“ nünftiger. Alſo — — Aber gibt es nicht Millionen Proteſtanten, gute Menſchen, denen das gar nicht zum Be— wußtſein kommt und die ſich kurzweg vor der katholiſchen Kirche, wie vor dem Schreckbild ihrer Kindheit, fürchten? Aber ſehet, dieſe haben poſitiven Glauben und ſind im Uebrigen im unverſchuldeten Irrthum, d. h. ſie ſind, ohne es zu wiſſen — Katholiken. V. Auf welches Reſultat kommt Preußen? Auf Einſchränkung gewiſſer ſonſt gar anders angeſehener Beſtrebungen. Hell und glänzend, ja voͤllig katholiſch iſt das große Wort ſeines Monarchen: „Der evangeliſchen Kirche muß zu dem ihr verloren gegangenen Rechte verholfen werden; dies kann nur geſchehen auf dem uralten Grund, den Chri⸗ ſtus gelegt hat.“ An dieſem Worte eben iſt nicht zu deuten und zu drehen, ſondern nur ein freudiges Amen ihm beizufügen.“ (N. Sion.) Soweit iſt es alſo mit der proteſtantiſchen Kirche gekommen, daß die römiſche Kirche, ihres Triumphes im Voraus praͤhleriſch ſich rühmend, ausruft, dieſelbe ſei eine Convertitin, auf dem Wege zur katholiſchen Kirche begriffen. Das ſind die unglückſeligen Folgen der Täu-— ſcherei, das Weſen der heiligen chriſtlichen Kirche und Gemeinde IEſu Chriſti in einen äußerlichen Verband und ſichtbare Gemein— ſchaft zu ſetzen; *) denn bleibt man bei dieſer ») Die römiſche Kirche verſteht bekanntlich nichts Anderes unter der eigentlich ſogenannten Kirche als den Haufen von Lehrern und Zuhörern, der auf den Namen des Dreieinigen Gottes getauft einſtimmig die geſammte Lehre Chriſti und ſeiner Apoſtel bekennt und der rechten Sa⸗ cramentsverwaltung ſich erfreut. Es iſt nach dieſem Begriffe die Eine heilige allgemeine apoſtoliſche Kirche, die über den ganzen Erdboden unſichtbarer Weiſe zerſtreut iſt, zu einem äußeren, ſichtbaren Kirchenverband (externa societas ec⸗ clesiastica, Geſellſchaft) herabgewürdigt. Wenn nun auch proteſtantiſche Lehrer eine allgemeine ſichtbare Kirche zu Zei⸗ Vorſtellung, ſo hat allerdings die römiſche Kirche Recht und ihr Ausſpruch iſt wahr. Tritt die proteſtantiſche Kirche, als ſichtbare ſich an die Stelle der unſichtbaren ſetzend, der römi— ſchen gegenüber: ſo iſt's um ſie geſchehen, ſo iſt allerdings der Mund des Antichriſts weit aufgethan, ſie zu verſchlingen, und ſie iſt ſelbſt eine Geiſtesverwandte der römiſchen Kirche und mit papiſtiſchem Sauerteig vermengt. Dann iſt die römiſche Kirche ihr in allem überlegen; dieſelbe iſt in ſchlußgerechter Folgerung die alleinige, ſeligmachende, wahre, ſichtbare Kirche, aus deren Schoß ſich jene andere geriſſen hat, um in Secten ſich aufzulöſen; und wohl denen, die ſich aus dieſen wieder zur rechten Mutter finden! Ich ſage, iſt das Weſen der heiligen chriſtlichen Kirche in eine ſichtbare Gemein— ſchaft zu ſetzen: ſo iſt der Widerpart mit ſeinen Kanones und Deeretalen allerdings die Kirche des lebendigen Gottes, und wenn jener aufhört, iſt auch dieſe abgethan, es mit ihr aus und zu Ende; alsdann iſt dem ſichtbaren Haufen der Heilige Geiſt verheißen worden, das Biſchofs— amt ſein untrüglicher Dollmetſcher, der Heilige Geiſt an Zeit, Ort und Stätte gebunden, und die roͤmiſche Kirche kann laut der mittelalter— lichen Geſchichte nur mit Recht dieſen Vorzug ſich anmaßen. Gottlob, daß dem nicht ſo iſt! Gott ſei ewig Dank und Preis geſagt, daß äußerliche Behauptung vor der Welt in Sei— nem Reiche weniger als Nichts austrägt, daß Er die Wahrheit des Evangeliums den Weiſen und Klugen (die es in Rückſicht auf dieſelbe ſeien) verborgen hat, und ſie den Unmündigen offenbart! Gott ſei ewig Dank, daß Sein Reich nicht mit äußerlichen Geberden kommt, man auch nicht ſagen wird: Siehe hier oder da iſt es — daß, wie das Haupt nicht geſehen werden kann, nothwendig auch der Leib dieſes Hauptes unſichtbar iſt und bleibt, die Fülle der uner⸗ meßlichen Liebe deſſen, der Alles im Allem ten annehmen oder, was eben daſſelbe iſt, einer ſichtbaren Par⸗ ticularkirche die Verheißung Chriſti zueignen können, iſt damit nicht in der That ein Rückſchritt zum Pabſtthum geſchehen? Und iſt nicht ſchon von den Gegnern des frommen Dr. Spe⸗ ner und ſeiner Schüler hierin vorgearbeitet worden, obſchon die Römiſchen, aus großer Klugheit, ihnen mehr Antikatbo⸗ licismus zuſchreiben, als den Pietiſten? Liegt nicht in der Be⸗ antwortung der hochwichtigen Frage: „Wer beſtimmt die Lehre?“ dem Romanismus, wie dem Rationalismus, es ſei der gemeine oder ſpeculative Hegelſche, ein und daſſelbe Prin⸗ cip zu Grunde? Und in nicht die große Hure, die Mutter aller Gräuel auf Erden (Offenb. St. Joh. c. 17.), wegen ihres blendenden Scheins, als wäre ſie die Braut des HErrn, das Weib des Königsſohnes, der allergefährlichſte Feind der Auserwählten? Der Menſch der Sünde beruft ſich zur Beſchönigung ſeines Abfalls und ſeines kräftigen Irr⸗ thums gewöhnlich auf Tim. II, 2, 20. vgl. Matth. 13, 47 fg. Außerdem aber, daß großer Ausleger, wie Chryſoſto⸗ mus und Theophylaktus, unter dem großen Haufen die Welt verſtehn (nach Matth. 13, 38.), ſo folgt auch bei der andern richtigern Erklärung gerade aus dieſen Stellen, daß zu der äußern Gemeinſchaft der Kirche alle der chriſtlichen Taufe ſich Bedienenden gehören, außer den Rechtgläubigen, Heuchler, Ketzer, Separatiſten, Rotten und Seeten zu zählen ſeien, die doch wahrlich Alle nicht die Kirche ſelber ſind, wie denn darü⸗ ber Cyprian, Ambroſius, Auguſtin ꝛc. übereinſtimmend mit unſern ſymboliſchen Büchern(ogl. Apolog. conkess. August. ed. Rechenberg. p. 143 8279. ꝛc.) und wahrhaft großen Th eologen lehren. Man ſehe Jo. Gerhard in Timoth. II. c. Locc. XXIII, c. 6. und halte dagegen des berühmten Biſchofs von Meaux, Boſſuet, coll. e. Jo. Claude de eccl. Wie der letztere ſchreibt über dieſen Punct, einer nicht unähn⸗ lichen Weiſe nähern ſich auch ältere und neuere Proteſtanten, bald mehr hyperorthodox, bald mehr heterodox. 3 4