# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1930_S28 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 28 Verhandlungen der zweiunddreißigſten Verſammlung eſſanteſten Schriften des großen Reformators iſt die Schrift „Von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen“ vom Jahre 1520, in der er zwei Punkte ausführt: „1. Ein Chriſtenmenſch iſt ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan; 2. ein Chriſtenmenſch iſt ein dienſtbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (XIX, 986 ff.) In dieſem Sinn und Geiſt ſoll die Arbeit der Kirche vor ſich gehen. Wir ſagen demgemäß, daß kirchliche Zeremonien einen definitiven Bekenntniswert haben und die Kirche daher allezeit mit großer Vorſicht zu Werke gehen muß in der Beobachtung ſolcher Gebräuche und Zere⸗ monien. Dies zeigt ſchon die Geſchichte der Liturgik, die auch hierin unſere Lehrmeiſterin ſein kann. Es iſt Tatſache, daß mehr Irrlehren durch die beſtändige Vorführung in den Gottesdienſten der Sonn⸗ und Feſttage in das Volk gekommen ſind als durch alle päpſtlichen Dekrete, durch alle Beſchlüſſe der Konzilien und durch alle Schriften der Scho⸗ laſtiker. Die nachnizäiſche Kirche hat die Lehren von der Anbetung der Heiligen und dem Fegfeuer nicht einfach erfunden, ſondern dieſe haben ſich im Laufe der Zeit aus recht unſchuldig erſcheinenden Zeremonien entwickelt. Es ſtand ſo: Die erſten Chriſten waren ſo ſehr auf das Jenſeits eingeſtellt, daß ſie die Gemeinde diesſeits des Grabes und jen⸗ ſeits desſelben zuſammennahmen und anſahen als eine große Kirche, eine Vorſtellung, die ja an ſich nicht verkehrt war. Deswegen wurden laut der erſten Liturgien die Gebete im großen Kirchengebet für alle getan, ob ſie noch hier auf Erden waren oder ſchon zu den ſelig Voll⸗ endeten gehörten. Es währte aber gar nicht lange, da wurden dieſe Gebete durch kleine Zuſätze verändert und umgewandelt in Gebete für die Verſtorbenen. Infolgedeſſen kam es dann bald dahin, daß die ent⸗ ſchlafenen Brüder nicht mehr angeſehen wurden als Tote, deren Los ſchon entſchieden war, ſondern als Brüder, die ſich lediglich an einem andern Ort befanden und deren Lage und zukünftiges Schickſal noch nicht völlig beſtimmt ſei. Daraus entwickelte ſich dann das tatſächliche Gebet für die Toten. — Ähnlich ſtand es mit der Lehre vom Fegfeuer. Beginnend mit Origenes und Cyprian, kann man die falſche Idee ver⸗ folgen durch einzelne Ausſprüche eines Chryſoſtomus und eines Augu⸗ ſtin, bis endlich Gregor der Große, der die Gebete in dieſem Sinne ſchon vorfand und dann weiter ausbaute, den Mut gewann, die Lehre vom Fegfeuer ſogar öffentlich vorzutragen. — In ganz derſelben Weiſe aber entwickelte ſich die Opferidee in Verbindung mit dem heiligen Abend⸗ mahl. Während die Väter vor dem Nizäiſchen Konzil im großen und ganzen noch recht ſtanden in der Frage von der wirklichen Gegenwart des Leibes und Blutes im Sakrament, ſo finden wir doch bald darauf Stellen, die eine allmähliche Abirrung anzeigen. Und auch hier hielt die Entwicklung der Liturgie Schritt mit den falſchen Gedanken, ſo daß man von der Lehre der wahren Gegenwart des Leibes und Blutes Chriſti in, mit und unter dem Brot und Wein abkam, dann eine lokale, phyſiſche Gegenwart lehrte und ſchließlich behauptete, die irdiſchen Elemente im Sakramente ſeien in die himmliſchen Güter des Leibes und Blutes Chriſti verwandelt. Aber dieſe Ideen fanden beim Volk Eingang durch die regelmäßige Vorführung der irrigen Meinungen in den Sonn⸗ und Feſttagsgottesdienſten. Auch im Zeitalter der Reformation machte dieſe Sache Schwierig⸗ keiten. Wir wiſſen ja, daß Carlſtadt und die Bilderſtürmer den Ver⸗ ſuch gemacht hatten, alle kirchlichen Zeremonien mit Gewalt abzuſchaffen, während Luther durch geduldige, freundliche Belehrung über das weſent⸗ lich Verkehrte in den gottesdienſtlichen Gebräuchen den Weg bahnte für eine gereinigte, wirklich chriſtliche Gottesdienſtordnung, die er in den