# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1930_S21 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) der Ev.⸗Luth. Synodalkonferenz von Nordamerika. 1930. 21 denken, daß er zu den Koloſſern [Kap. 3, 14] von Vollkommenheit der Perſon rede, ſondern er redet von Einigkeit der Kirche, und das Wort, ſo ſie Vollkommenheit deuten, heißt nichts anderes denn unzerriſſen ſein, das iſt, einig ſein [τελειότης]. Daß er nun ſagt: „Die Liebe iſt ein Band der Vollkommenheit“, das iſt, ſie bindet, fügt und hält zuſammen die vielen Gliedmaßen der Kirche unter ſich ſelbſt (denn gleichwie in einer Stadt oder in einem Hauſe die Einigkeit dadurch erhalten wird, daß einer dem andern zugute halte, und kann nicht Friede noch Ruhe bleiben, wo nicht einer dem andern viel verſieht, wo wir nicht einander tragen), alſo will Paulus da vermahnen zu der chriſtlichen Liebe, daß einer des andern Fehle, Gebrechen, dulden und tragen ſoll, daß ſie ein⸗ ander vergeben ſollen, damit Einigkeit erhalten werde in der Kirche, da⸗ mit der Chriſtenhaufe nicht zerriſſen, zertrennt werde und ſich in allerlei Rotten und Sekten teile, daraus dann großer Unrat, Haß und Neid, allerlei Bitterkeit und böſes Gift, endlich öffentliche Ketzerei erfolgen möchte.“ Dieſer Gedanke ſoll in der nächſten Theſe zunächſt ausge⸗ führt werden. 3. Obwohl in der Kirche um der wahren Einheit willen viel vergeben werden muß, ſo darf dies doch unter keinen Umſtänden mit Verleugnung der Wahrheit geſchehen. Im Gegenteil, jede Abweichung von einer in der Schrift klar geoffenbarten Lehre begreift kirchentrennende Möglich⸗ keiten in ſich und muß bei fortgeſetzter Beharrung im Irrtum auf ſeiten der abweichenden Partei zu einer Löſung der Bruderbande führen. Der erſte Vorderſatz dieſer Theſe gründet ſich auf die Geſamtaus⸗ führungen in Artikel III der Apologie, beſonders auf § 113. 114 (Conc. Trigl., 184): „Wiederum wird erhalten Vollkommenheit und Einigkeit, das iſt, die Kirche bleibt unzertrennt und ganz, wenn die Starken die Schwachen dulden und tragen, wenn das Volk mit ſeinen Predigern auch Geduld hat, wenn die Biſchöfe und Prediger wiederum allerlei Schwachheit, Gebrechen, dem Volk nach Gelegenheit wiſſen zugut zu halten. Von dem Wege und der Weiſe, Einigkeit zu halten, iſt auch viel allenthalben geſchrieben in den Büchern der Philoſophen und Welt⸗ weiſen. Denn wir müſſen einander viel vergeben und für gut haben um Einigkeit willen.“ Dieſe liebevolle Nachſicht hat die rechte Kirche zu allen Zeiten prak⸗ tiziert. Ein hervorragendes Beiſpiel haben wir in der Art und Weiſe, wie ſich der HErr zu Anfang der neuteſtamentlichen Periode ſeines Bundesvolkes annahm, um die Glieder der jüdiſchen Kirche, wo möglich, von der falſchen Grundidee eines irdiſchen Meſſiasreiches loszumachen. Der Heiland ſelber kam in ſein Eigentum, zu dem Volk der Juden, zu denen er kraft ſeiner leiblichen Abſtammung und Geburt gehörte. Er erklärte, daß er für ſeine Perſon, in ſeinem perſönlichen Amt, nicht geſandt ſei denn nur zu den verlornen Schafen vom Hauſe Israel, Matth. 15, 24. Er gab ſeinen Jüngern den direkten Auftrag: „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, ſondern gehet hin zu den verlornen Schafen aus dem Hauſe Israel“, Matth. 10, 5. 6. Obgleich der Heiland den Juden ſagte: „Ich habe noch andere Schafe, die ſind nicht aus dieſem Stalle“, Joh. 10, 16, näm⸗ lich dem der jüdiſchen Kirche, ſo befolgte doch auch Paulus in ſeiner Praxis die Regel: „die Juden vornehmlich und auch die Griechen“, Röm. 1, 16. Trotzdem er der Apoſtel der Heiden war, ſo finden wir doch, daß er faſt regelmäßig die Synagoge der Juden zuerſt aufſuchte, und das nicht nur des bequemen Anknüpfungspunktes halber, ſondern grundſätzlich. Er