# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 11 18_S22 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 22 ist kein Heil und keine Seligkeit; wer sie auf Erden nicht zur Mutter hat, hat Gott im Himmel nicht zum Vater. (Gal. 4, 26.) Es ist daher freilich keine unnöthige Frage: Wo finde ich die wahre Kirche? wo die Gemeinde derer, die da glauben und selig werden? Dieß betrifft keine Zänkerei der Theologen, keine unerbauliche Spitzfindigkeit, sondern eine Sache, über welche ein jeder Mensch aufs Reine kommen muß, will er nicht zeitlebens über die wichtigste Angelegenheit seiner Seele im Finstern tappen und in Gefahr stehen, den Weg zum Himmel zu verfehlen. Die Antwort auf diese Frage geht keineswegs nur die Gelehrten an; nein, wer ein Christ sein will, sei er auch noch so unerfahren in weltlichen Wissenschaften, der kann und muß hier selbst offene Augen haben; nicht nur fragen, was die Gelehrten dazu sagen, sondern sein eigenes Urtheil haben. Christus will keine unmündigen kindischen Christen haben, die ohne Prüfung annehmen, was ihnen vorgesagt wird, die sich nur von andern leiten lassen, wohin diese sie führen, sondern verständige Christen, die Wahrheit und Irrthum zu unterscheiden wissen. Daher spricht St. Paulus: „Auf daß wir nicht mehr Kinder seien und uns wägen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre, durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, damit sie uns erschleichen zu verführen.“ (Eph. 4, 14.) Wenn der Mensch stirbt, so kann kein Pabst, kein Bischof oder Priester ihn in seinem weiten Rock mit in den Himmel nehmen, ja, wäre es ein ganzes Concilium, so kann es für ihn dann nicht zur Hölle fahren; da muß ein jeder für sich selbst stehen; darum muß auch ein jeder Mensch schon vorher für sich selbst gewiß sein in Sachen, die das Heil seiner unsterblichen Seele betreffen. Wie? ist es aber nicht zu schwer, darüber zu entscheiden, wo die Gemeinde der Heiligen ist, die rechte Braut Christi, der einige rechte Tempel Gottes auf Erden, den allein Gottes h. Geist gebaut hat, wo JEsus Christus wohnt und alle Güter seiner Gnade zu finden sind? — Wohl ist es nicht möglich, daß man hier vor Irrthum und Täuschung sicher sei, wenn man nicht nach den rechten Kennzeichen geht und den rechten Prüfstein nicht anlegt; wer dieß aber redlich thut, der kann nicht irre gehen, denn er hat die Verheißung: „Gott läßt es den Aufrichtigen gelingen.“ (Spr. 2, 7.) Diese wahren Kennzeichen sind aber keine andern, als Wort und Sacrament. Wahre Kennzeichen einer Sache sind nehmlich nur diejenigen, welche 1. die dadurch zu erkennende Sache haben muß, die also von derselben nie getrennt werden können, und 2. welche das Dasein der Sache, ohne Gefahr der Täuschung, nothwendig und untrüglich anzeigen. Weil nun niemand leugnen kann, daß ohne die christliche, in der h. Schrift von Christo durch seine h. Apostel aufgezeichnete und hinterlassene Lehre und ohne die damit verbundenen h. Sacramente keine christliche Kirche gedacht werden kann; und weil ferner niemand leugnen kann, daß die Gläubigen, also die Kirche, allein da zu suchen und gewiß zu finden sei, wo Gottes Wort geprediget und angenommen wird, so sind auch diese Gnadenmittel die einzig untrüglichen Kennzeichen der wahren Kirche. Wir reden hier natürlich nur mit solchen Lesern, die die h. Schrift schon für Gottes Wort halten; denn diejenigen, welche dieß noch nicht glauben, müssen erst von der Wahrheit und Göttlichkeit der Bibel überzeugt werden, ehe bei ihnen die Rede davon sein kann, wo sie die Gemeinschaft derer finden, die den rechten seligmachenden Glauben haben und bekennen, nehmlich die Kirche. Allen Gläubigen bezeugt aber die h. Schrift klar und deutlich, daß Wort und Sacrament der lebendige Same sei, durch welchen die Glieder der Kirche erzeugt, im Glauben erhalten und gestärkt werden (Jac. 1, 18. 1 Pet. 1, 23. Joh. 2, 5.) und aus welchem daher der Baum der wahren Kirche hervorwächst. Nach der Schrift ist Gottes Wort ferner der Grund der Kirche, denn es heißt: „Ihr seid erbauet auf den Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist, auf welchen der ganze Bau in einander gefüget, wächset zu einem h. Tempel in dem HErrn.“ (Eph. 2, 20. 21.) Nach der Schrift sind Wort und Sacrament endlich die Mittel, wodurch die Gemeinde Gottes gestiftet, gesammelt, erhalten werden und sich selbst ausbreiten soll; denn der HErr gibt den dazu von ihm erwählten Werkzeugen den Befehl und die Verheißung: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des h. Geistes; und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matth. 28, 18—20. Marc. 16, 16.) Nach diesen göttlichen Zeugnissen ist es also offenbar unmöglich, daß irgendwo die Kirche sei, wo sich Wort und Sacrament nicht findet; sie sind mit ihr so unzertrennlich verbunden, wie Samenkorn und die grünende Saat, wie Quelle und Ausfluß, wie Ursache und Wirkung. — Aber wird das Wort Gottes nicht oft vergeblich gepredigt? Wird die reine Lehre nicht oft lange verkündigt, und sie bringt doch bei den Zuhörern keine Frucht? Wie kann ich mich also auf ein solches Kennzeichen verlassen? Kann ich mich nicht täuschen, und auch da, wo das Wort ist, doch vielleicht keine wahren Gläubigen, also keine rechte Kirche antreffen? — Nein; hier ist keine Täuschung möglich. Getäuscht kann man gerade dann werden, wenn man auf etwas anderes sieht. Wer z. B. auf die bloße Einigkeit sieht, kann betrogen werden, denn man kann ja auch einig sein im Irrthum; oder auf Heiligkeit, denn diese kann vielleicht nur eine Scheinheiligkeit sein; oder auf äußerliche Abstammung von einer apostolischen Gemeinde, denn diese kann vorhanden und die Kirche doch abgefallen sein ꝛc. Wo aber das Wort Gottes rein und lauter gepredigt und bekannt wird und die h. Sacramente nach Christi Einsetzung verwaltet und gebraucht werden, da finden sich gewiß wenigstens einige Kinder Gottes, laut der theuren göttlichen Verheißung: „Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt, und nicht wieder dahin kommt; sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt Samen zu säen und Brod zu essen: also soll das Wort, so aus meinem Munde geht, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen; sondern thun, was mir gefällt, und soll ihm gelingen, dazu ich es sende.“ (Jes. 55, 10. 11.) Wohl fällt der Same oft an den Weg, oder auf das Steinigte, oder in die Dornen, aber ein Theil bringt immer seine Frucht. (Matth. 13.) Wohl achten viele das Evangelium für eine Thorheit, aber es ist und bleibt doch eine Kraft Gottes (Röm. 1, 16.), schärfer denn kein zweischneidiges Schwert (Ebr. 4, 12. 13.), das gewiß einige Herzen durchdringt, zum wahren Glauben bringt und darin erhält. Wo daher dieses Gnadenmittel im Schwange geht, da können wir ohne die Gefahr, uns zu täuschen, sagen: Hier thun sich die Pforten der Kirche auf, hier steht die rechte Himmelsleiter Jacobs, hier sind auch gewiß die Menschen, die recht glauben, hier hat Christus eine Gemeinde der Heiligen, hier wird die Kirche sichtbar, zu der ich mich bekennen und halten muß, will ich mich nicht von Christi Leibe trennen und also verloren gehen. Hier ist also kein Zirkelschluß, wie Herr Oertel träumt; ein Zirkelschluß wäre dieser: die Kirche ist da, wo die wahren Christen sind; denn die Gemeinschaft der wahren Christen ist eben die christliche Kirche. Wir aber sagen: die Kirche oder die Gemeinschaft der Heiligen ist da sichtbar (oder definitiv) zu erkennen, wo das ist, was allein zu Christen macht; die Wirkung suchen wir da, wo wir die nöthigende Ursache finden, den Ausfluß da, wo die Quelle quillt, den Baum da, wo das Samenkorn gesteckt ward. Hier kann nur derjenige einen Zirkelschluß finden, der den papistischen Grundsatz hegt, daß das Wort Gottes erst dann seine Gültigkeit habe, wenn der Pabst mit seinen Bischöfen es ausgesprochen und bestätigt hat; denn dann muß man freilich erst gewiß sein, daß man die aus Pabst und Bischöfen bestehende Kirche gefunden habe, ehe man wissen kann, ob man das Wort Gottes habe. Dieß ist aber ein verabscheuungswürdiger Grundsatz. Wohl legt die Kirche ihr Zeugniß ab von der h. Schrift, aber sie gibt ihr dadurch nicht erst ihr Ansehen. Wohl ist die Kirche allein Gottes Briefträgerin an die Welt, indem ihr Gottes Wort vertraut ist, es zu predigen und zu bekennen, aber der h. Geist, nicht sie, drückt demselben das Siegel der Göttlichkeit auf. Wohl können wir Gottes reines Wort und die unverstümmelten Sacramente allein in der Kirche finden, denn sie allein ist die Bewahrerin dieser höchsten Heiligthümer, die Gott den Menschen gegeben hat; diese Güter sind es, die sie von allen andern weltlichen Gemeinschaften kenntlich absondern, aber wir erkennen die Richtigkeit derselben nicht an der Wahrheit der Kirche, sondern wo wir jene Heiligthümer vorfinden, da schließen wir (a posteriori) auf das Vorhandensein der wahren Kirche, von welcher wir (a priori) wissen, daß sie sie haben