# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1928_S22 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 22 Verhandlungen der einunddreißigſten Verſammlung beruhen nicht auf poetiſcher Phantaſie, ſondern auf Gottes heiligem Wort. Darum kann man hier nicht von einer unſittlichen oder wider⸗ ſittlichen Tat reden. Im Gegenteil, es war dieſes Sterben JEſu der höchſte Erweis der Liebe. Und wenn man ſagen wollte: Kein Richter würde das erlauben, daß ein Unſchuldiger für den Schuldigen hinge⸗ richtet wird, ſelbſt wenn der Unſchuldige ſich aus freien Stücken als Opfer darböte, ſo lautet unſere Antwort: Es iſt eben der Richter ſelbſt, der hier in den Tod geht. Man hat ferner geſagt, in Sachen, die zum ſittlichen Gebiet ge⸗ hören, gebe es keine Möglichkeit der Stellvertretung; hier könne nicht einer ſich an den Platz des andern begeben und ſeine Verpflichtungen und ſeine Strafe übernehmen. Es ſtehe damit anders als mit einer Geldſchuld. Iſt jemand hundert Dollars ſchuldig, ſo könne wohl ein Freund dieſe Summe für ihn bezahlen und ihm die Quittung zuſchicken. Aber wo es gelte, eine Sünde zu tragen und zu büßen, ſei es ausge⸗ ſchloſſen, daß einer den andern vertrete. Auch dies ſcheint auf den erſten Blick unanfechtbar. Schuld kann man nicht abwaſchen mit Waſſer oder auf jemand anders legen. Und doch iſt dies Argument nicht rechts⸗ kräftig. Wir verweiſen hier zunächſt, wie immer, auf das „Es ſteht geſchrieben“. Nicht uns kommt es zu, zu ſagen, was in dieſer Sache möglich und was unmöglich iſt, ſondern dem großen Gott. Und ferner iſt dies zu ſagen: JEſus hat die Sünde und Schuld der Menſchheit auf ſich genommen und gebüßt. Nun darf man aber nicht vergeſſen, daß er ſelber ein Teil der Menſchheit war, daß er unſer Fleiſch und Blut an ſich genommen hatte, wie der Hebräerbrief betont, daß in ihm daher nicht ein Fremder Stellvertreter der Menſchheit wurde, ſondern eins ihrer Mitglieder. Weil JEſus ſelbſt der Menſchheit angehört, ſo kann er für ſie eintreten und ihre Sündenlaſt und Strafe auf ſeinen Rücken nehmen. Sodann iſt es wahr, daß der Menſch ſeine Schuld nicht auf jemand anders legen kann. Es kann ihm auch keiner ſeiner Mitmenſchen die Schuld abnehmen und ſagen: Ich trage ſie für dich. Aber einer kann die Schuld von ſeinen Schultern wegnehmen, und das iſt Gott, der Richter. In unſerer Sündenſchuld haben wir es mit Gott zu tun. Ihm ſind wir verantwortlich. Er kann vergeben. Er kann daher auch die Schuld von uns wegnehmen und auf ſeinen lieben Sohn legen. Dem nüchternen Verſtand kommt das allerdings unbe⸗ greiflich vor, aber das von Sünden gequälte Herz, das im Evangelium Frieden findet, glaubt es gerne, daß Gott dieſe Liebestat vollzieht. Schließlich hat man den Einwurf erhoben, JEſus habe ja tat⸗ ſächlich nicht die Strafe für die Sünden der Menſchen getragen. Die Strafe für Geſetzesübertretung ſei nach der Schrift der ewige Tod, die ewige Verdammnis; aber JEſus habe nicht die ewige Verdammnis er⸗ litten, ſintemal er nur ungefähr ſechs Stunden am Kreuze gehangen habe und am dritten Tage nach ſeinem Tode wieder auferweckt wor⸗ den ſei. Dieſem Einwand ſind wer weiß wie viele Theologen zum Opfer gefallen. Sie meinen, es ſei wahr, in ſo kurzer Zeit habe JEſus nicht die Ewigkeit der Höllenſtrafen erdulden können. Das Leiden JEſu ſei daher nicht ein tatſächliches Erdulden der Qual und Pein geweſen, die wir verdient hatten, ſondern es ſei nur von Gott als gleichwertig angeſehen worden. Es iſt dies im weſentlichen die ſoge⸗ nannte Akzeptilations⸗Theorie, die ſchon Duns Scotus im Mittelalter vortrug. Das Leiden JEſu war nicht ein meritum de condigno, um die ſcholaſtiſchen Ausdrücke zu gebrauchen, ſondern nur de congruo. Wer das Leiden JEſu ſo anſieht, der nimmt ſich ſelbſt den Troſt, den die Schrift ihm bietet, daß JEſus nämlich wirklich unſere Strafen ge⸗ tragen hat.