# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1928_S14 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 14 Verhandlungen der einunddreißigſten Verſammlung Ein jeder ſieht, daß dieſe Lehre ein düſteres Kapitel zur Voraus⸗ ſetzung hat, nämlich das von der Sünde und ihrer Macht. Man redet ſo häufig von der Sünde als einer Kleinigkeit, lacht und ſpottet darüber; ſelbſt unter Chriſten findet man hier und da die Gewohnheit, mit der Sünde Scherz zu treiben. Das geziemt ſich durchaus nicht. Alles, was von dem Verſöhnungswerk Chriſti in der Schrift berichtet wird, ſetzt voraus, daß die Sünde, ja jede Sünde, ein Majeſtätsverbrechen iſt, wie man mit Recht geſagt hat, das die göttliche Gerechtigkeit nicht ungeſtraft hingehen laſſen kann, das ſie vielmehr gemäß der göttlichen Heiligkeit mit dem Fluch belegen muß. Ja, in dieſer Lehre iſt, um mit Philippi zu reden, enthalten die unermeßliche Größe des den ewigen Tod ver⸗ hängenden göttlichen Zornes. Der Große Katechismus Luthers hat recht, wenn er die Sachlage ſo ſchildert: „Denn da wir geſchaffen waren und allerlei Gutes von Gott dem Vater empfangen hatten, kam der Teufel und brachte uns in Ungehorſam, Sünde, Tod und alles Unglück, daß wir in ſeinem Zorn und Ungnade lagen, zur ewigen Verdammnis verurteilt, die wir verwirkt und verdient hatten. Da war kein Rat, Hilfe noch Troſt, bis daß ſich dieſer einige und ewige Gottesſohn unſers Jammers und Elends aus grundloſer Güte erbarmte und vom Himmel kam, uns zu helfen.“ Will man die Verſöhnung JEſu verſtehen, ſo muß man erſtlich mal den Zorn Gottes über die Sünde kennenlernen. Hat man ſich damit allen Ernſtes beſchäftigt, dann halte man ſich das Troſtwort der Schrift vor, das uns lehrt, JEſus habe dieſen Zorn Gottes geſtillt und befriedigt, ſo daß er nicht mehr auf uns herabbrennt, ſon⸗ dern göttlichem Wohlwollen gegen uns Platz gemacht hat. Gegen dieſe Lehre, daß JEſus als unſer Hoherprieſter uns mit Gott verſöhnt hat, läuft man gewaltig Sturm. Schon im Mittelalter hat ſich dagegen Widerſpruch erhoben, und mit den Jahren iſt die Feindſchaft gewachſen. Man will es nicht wahr haben, daß das Werk JEſu Einfluß auf Gott hatte, auf Gottes Stellung zu uns. Der Tod Chriſti, ſagt man, ſollte und ſoll allerdings einen tiefen Eindruck auf die Menſchen machen, aber nicht auf Gott. Gott braucht nicht verſöhnt zu werden — der war ſchon immer unſer Freund —, aber wir mußten dazu gebracht werden, ihn als unſern Freund und lieben Vater anzu⸗ ſehen, und deshalb hat Chriſtus hier auf Erden gewirkt, hat gelitten und iſt geſtorben. So vermiſcht man Wahres und Falſches. Der Tod Chriſti ſoll allerdings tiefen Eindruck auf uns machen, aber er ſoll es tun, weil er ein Verſöhnungstod war und das rechte Verhältnis zwiſchen Gott und uns wiederherſtellte. An dieſem Punkt ſcheiden ſich die Wege der Theologen. Ein Teil nimmt die vorhin dargelegte Schriftlehre an, der andere geht den entgegengeſetzten Weg und verwirft ſie. Während im Mittelalter Anſelm von Canterbury in ſeinem berühmten Büchlein „Cur Deus Homo?“ („Warum iſt Gott ein Menſch geworden?“) ganz richtig darlegte, daß eine Verſöhnung Gottes nötig war, ſollte anders das menſchliche Geſchlecht gerettet werden, ſo verneinte dies ſein Zeit⸗ genoſſe Abälard von Paris in bitteren Worten. Nach des letzteren Meinung war es nur nötig, daß die Menſchen mit Gott verſöhnt würden oder, anders ausgedrückt, daß unſere Feindſchaft gegen den erhabenen Schöpfer beſeitigt werde. Chriſti Leiden, das von ſeiner Liebe zeuge, erwecke in uns Gegenliebe, und darin liege ſeine erlöſende Kraft. Das war Abälards Anſicht. Damit verwarf er die Verſöhnungslehre der Heiligen Schrift. Ihm folgt der ganze Schwarm rationaliſtiſcher Theologen ſeit ſeiner Zeit. Sie alle leugnen, daß Chriſti hoheprieſter⸗ liches Wirken Gottes Zorn ſtillte, wenn ſie auch in ihrer eigenen An⸗ ſchauung über die Bedeutung des Werkes JEſu nicht übereinſtimmen. Nachdem ſchon bald nach Luthers Tod die Sozinianer, die Unitarier des