# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1858_S376 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 376 Rambach über die Fehler der Declamation bei dem Halten der Predigten. Vielleicht in keinem Lande werden gerade in Absicht auf die Declamation (den Gebrauch der Stimme) bei dem Vortrag der Predigten so viele Fehler begangen, als hier in Amerika. Warnung und Rath in dieser Beziehung von Seiten eines älteren Theologen dürfte daher nicht ganz überflüssig sein. Unter Verhältnissen, wie die hiesigen sind, werden gewisse Unarten unbemerkt geradezu Mode. Wir theilen daher einen Abschnitt aus Johann Jacob Rambach's Homiletik, die wir bereits in der Pfarrers⸗Bibliothek recensirt haben, über diesen Gegenstand hierdurch mit und erlauben uns darin nur die Veränderung, daß wir die von Rambach gebrauchten und nicht von ihm selbst erklärten lateinischen und griechischen Worte in deutsche umsetzen. Das neunte Capitel des angezeigten Werkes handelt von der Action und der vierte und fünfte Paragraph desselben von der Declamation (mit Ausschluß der Gesticulation). Darin heißt es denn, wie folgt: „Es kommt zwar vieles darauf an, daß die Stimme eines Predigers recht beschaffen sei, allein man kann hiervon die wenigsten Regeln geben, weil das meiste zum Theil von der Natur abhängt und zum Theil von dem Affect und der Gewohnheit herrührt; was aber Dinge sind, die den strengen Forderungen der Regel sich nicht fügen wollen. Indessen, da doch das gemeine Volk sehr darauf sieht, daß der Prediger eine gute Stimme und Aussprache hat,*) und man auch die natürlichen Gebrechen nach und nach verbessern und ablegen kann,**) so kann auch ein Unterricht hiervon nicht schaden. Demnach sind die zu vermeidenden und zu verbessernden Fehler zu merken, und unter solchen: 1. Somnolentia, wenn die Stimme zu schläfrig ist, welches ein Zeichen ist, daß man nicht aus der Fülle des Herzens rede, und daß man nicht in dem Affect stehe, den die Sache mit sich bringt. Wenn einer z. B. von der großen Liebe Gottes redet, die er der Welt in JEsu Christo erwiesen hat, oder von dem erschrecklichen Zorn Gottes gegen die Sünder, und die Worte ersterben ihm gleichsam auf der Lippe, so ist das höchst ekelhaft, und jedermann sieht, daß er von Sachen redet, die ihn nicht afficiren. 2. Clamositas, wenn man so erschrecklich schreit, daß den Zuhörern, zumal in kleinen Kirchen, die Ohren und der Kopf davon wehe thun. Man thut sich dadurch nicht allein an seiner Gesundheit Schaden, da man sich leicht eine Ader in der Lunge zersprengen und sich die Schwindsucht†) zuwege *) Wir möchten noch hinzusetzen: und da die Art des Vortrags großen Einfluß auf das Verständniß des Vorgetragenen hat, also selbst ein Hinderniß für die Wirkung des Wortes Gottes werden kann. D. R. **) Bekannt ist, daß der berühmteste Redner des Alterthums, Demosthenes, an verschiedenen Naturfehlern litt, die ihn in der Ausübung der Redekunst hinderten (er konnte z. B. das R nicht aussprechen) und die er durch beharrliche Uebung überwand. D. R. †) Namentlich die hier so häufig vorkommende Luftröhrenschwindsucht und Kehlkopfentzündung. D. R. 2*