# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 15_S116 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nehmen, iſt: „Weil wir in Gottes Wort viel⸗ fältig vor aller Abſonderung von unſern Brü⸗ dern gewarnt werden.“ Deutlich wird uns dies vorgehalten Ebr. 10, 24. 25., wo es alſo heißt: „Laſſet uns unter einander unſer ſelbſt wahrnehmen, mit Reizen zur Liebe und guten Werken; und nicht verlaſſen unſere Verſamm⸗ lung, wie etliche pflegen; ſondern unter ein⸗ ander ermahnen.“ Hier ſind offenbar nicht allein ſolche Verſammlungen gemeint, in wel⸗ chen allein der Prediger das Wort führte, ſon— dern wo jedem freiſtand zu reden, zu ermahnen, zu ſtrafen und zu rathen; wie wir denn von den verſchiedenartigſten Verſammlungen der Gemeinden in der apoſtoliſchen Zeit leſen. Bald kam man zuſammen, allein ſich zu er— bauen, bald, wie oben bemerkt, Lehr- und an⸗ dere Streitigkeiten vorzunehmen und beizule— gen, bald um äußerliche Ordnungen zu machen, Almoſenpfleger zu beſtellen, Abgeordnete an andere Gemeinden zu erwählen und auszuſen⸗ den, Unterſuchungen über angeklagte Perſonen anzuſtellen; wie uns denn im 21. Cap. der Apoſtg. erzählt wird: Als einſtmals St. Pau⸗ lus nach Jeruſalem kam und da dem Jacobus erzählte, was Gott durch ihn Großes unter den Heiden gethan habe, da erklärte ihm Jacobus, daß er in ſeiner Gemeinde, die faſt aus lauter bekehrten Juden beſtehe, in Verdacht gekommen ſei, er verwerfe den Moſes ganz und gar; nach dieſer Erklärung ſprach daher Jacobus: „Was iſt es denn nun? Allerdings muß die Menge zuſammenkommen, denn es wird vor ſie kommen, daß du gekommen biſt.“ Ferner heißt es 1 Tim. 5, 20.: „Die da ſün⸗ digen, die ſtrafe vor allen, auf daß ſich auch die andern fürchten.“ Aus dieſem allen ſehen wir, wie verſchieden die Verſammlungen wa— ren, von welchen allen der Verfaſſer des Briefs an die Ebräer ſagt: „Laſſet uns nicht verlaſſen unſere Verſammlung, wie etliche pflegen.“ Wir hören aber auch, wie fleißig die Chriſten zuſammengekommen ſind, als noch das Feuer der erſten Liebe brannte; denn es heißt Apoſtg. 2.: „Und ſie waren täglich und ſtets bei einan— der einmüthig im Tempel — und lobten Gott mit Freuden und einfältigem Herzen.“ Das viele Zuſammenkommen war alſo den erſten Chriſten nicht zu viel; man trachtete am erſten nach dem Reich Gottes, man liebte am höch— ſten Gottes Ehre und ſuchte ſeine Freude in chriſtlicher Gemeinſchaft, daher wurde aus der ſcheinbaren Laſt eine Luſt. O daß doch nur etwas Aehnliches auch bei uns ſtatt fände! Aber hier fehlt es bei manchem gar ſehr. Laßt uns daher doch bedenken, von welchen üblen Folgen eine Abſonderung von der Gemein— ſchaft ſein müſſe, wenn ſie auch nur in der mehrerwähnten Weiſe beſteht. Ach, gar zu leicht entſteht eine größere Trennung, wenn man ſich erſt nur zu einer ſcheinbar ganz arg⸗ loſen und gleichgültigen verleiten läßt. Man verläßt die Verſammlungen; das ſehen andere; erſt entſchuldigt man's, aber endlich entſtehen allerlei argwöhniſche Vermuthungen; man fängt an zu zweifeln, ob dem ſo Getrennten noch an der ganzen Sache der Gemeinde etwas liege; man getraut ſich wohl auch nicht, dem, 116 gegen welchen man mit Mißtrauen erfüllt wor⸗ den iſt, ſeine Bedenken zu eröffnen; und ſo entſteht nach und nach durch des Teufels An⸗ ſchüren aus der kleinen äußerlichen Abſonde— rung eine Trennung und gegenſeitige Entfrem⸗ dung der Herzen. Derjenige, der die Ver— ſammlungen verläßt, merkt es, daß man gegen ihn darum Verdacht ſchöpft; das kränkt ihn; er zieht ſich noch mehr zurück; und ſiehe! ſo iſt aus einer erſt anſcheinend ſehr geringfügi— gen Sache ein großer verderblicher Riß geſche— hen. — Sehr wichtig iſt auch dieſes, daß viele ſich neuanſchließende Mitglieder, weil ſie die Verſammlungen nicht beſuchen, faſt immer der Gemeinde fremd bleiben, und daß ein öfteres Verſäumen der Verſammlungen eine Uneinig⸗ keit im Urtheil der Gemeindeglieder über wich— tige beſprochene Gegenſtäude zur Folge hat; das gehört aber vor allem zu den Kennzeichen einer rechten chriſtlichen Gemeinde, daß ſie in⸗ nig brüderlich verbunden und vor allem, daß ſie einig im Glauben und Bekenntniß ſei. Da⸗ her ſpricht St. Paulus 1 Cor. 1. „Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen un— ſeres HErrn IEſu Chriſti, daß ihr allzumal einerlei Rede führt, und laſſet nicht Spaltun— gen unter euch ſein, ſondern haltet feſt anein⸗ ander, in Einem Sinn, und in einerlei Mei⸗ nung.“ Wie können wir aber dieſer Ermah⸗— nung beſſer nachkommen, als wenn wir uns fleißig verſammeln und uns da gegenſeitig ausſprechen und uns endlich in gleicher Mei⸗ nung vereinigen? Doch ich eile zum Schluſſe. Der letzte, nehmlich der neunte Grund, den ich euch noch vorlegen muß, iſt dieſer: Weil durch ſol—⸗ che Zurückziehung der Bruder ge⸗ ärgert wird. Fände daher auch der eine oder der andere für ſeine Perſon nach ſeiner Meinung in den Verſammlungen keine Frucht, ſo ſollte doch jeder ſich zur Beſuchung derſelben dadurch erwecken laſſen, daß er bedenkt, wie er durch ſein Beiſpiel andere verleiten würde, daſſelbe zu thun. Was aber daraus entſtehen muß, iſt bereits ausführlich gezeigt worden. Man achte das nur nicht ſo gering; der irdiſche Sinn nimmt unter uns nur zu ſehr überhand, die Gleichſtellung der Welt zieht bereits wider unſere Gemeinde mit großer Macht zu Felde. Werden daher immer mehrere nicht aus ſo niedrigen Gründen die Verſammlungen ver- laſſen, ſo werden ſie doch, ohne es zu wollen, die Anführer derjenigen werden, die aus purem Geiz ſich die paar Stunden nicht abbrechen, oder aus Menſchenfurcht und Menſchengefäl⸗ ligkeit nicht ganz zu uns gezählt ſein mögen. Ehe ich nun meine Anſprache endige, wird es nöthig ſein, noch zwei Bedenken, die man etwa gegen das Geſagte erheben dürfte, zu beſeitigen. Viele werden vielleicht ſagen, es ſei gefähr— lich, hier ein Gewiſſen zu machen und Geſetze vorzuſchreiben. Hierauf erwiedere ich dieſes. Durch die gethane Vorſtellung wird keinem Menſchen ein Gewiſſen gemacht; das hat Gott ſchon ſelbſt gethan, indem er das Geſetz gegeben hat, ſeinen Nächſten zu lieben, und indem er dem Einzelnen geboten hat, für das Ganze thätig zu ſein. Ich thue weiter nichts, als daß ich die Gewiſſen der Chriſten an eine alte Schuld erinnere, die Gott ſchon längſt ein— gefordert hat. Man verſündige ſich alſo ja nicht wider Gott und ſein heil. Wort, kurz und rund alle Ermahnungen damit niederſchlagen zu wollen, daß man ſpricht: Ich laſſe mir darüber kein Gewiſſen machen. Anſtatt eines ſolchen ö voreiligen Ausſpruchs nehme jeder Gottes Wort vor ſich; darnach prüfe er alles und was damit ſtimmt, darunter beuge er ſich, ohne ſich dabei mit Fleiſch und Blut zu beſprechen und grundloſe Ausflüchte des Fleiſches zu ſuchen. — Wenn jedoch mancher Sorge hätte, daß aus den Pflichten der Liebe ein geſetzlicher Zwang gemacht werden möge, ſo bin ich hierin ganz einig mit ihm. Das ſoll und darf nicht ge⸗ ſchehen; ſo wenig hier, wie bei der Beſuchung der öffentlichen Gottesdienſte. Hat daher je— mand gegründete Urſachen, zu Zeiten die Ver— ſammlungen nicht zu beſuchen, der ſoll ſich dar— über kein Gewiſſen machen; dann bleibe er in Gottes Namen zu Hauſe und kümmere ſich nicht darum, ob ein Splitterrichter ihn darum ſcheel anſieht. Ein jeder ſteht und fällt ſeinem HErrn. Ein jeder muß es am beſten wiſſen, wo er ſeine Freiheit gebrauchen kann, wo nicht. Seinen irdiſchen Beruf ſoll und darf freilich niemand dadurch vernachläſſigen, daß er den Verſammlungen der Gemeinde beiwohnt. Nun nur noch Eins! Eine ziemliche Anzahl Gemeindeglieder wird nach meiner Meinung wohl hauptſächlich darum die Verſammlungen weniger beſuchen, weil es darin nicht ſo her⸗ geht, als es ſein ſollte. Man ſpricht ſehr oft: „Was ſoll ich drinnen? was darin vorgeht, iſt nichts als Zank und Streit.“ — Hierauf ant— worte ich: Erſtlich iſt dies nicht ganz wahr; um gerecht zu ſein, muß auch zugeſtanden wer⸗ den, daß es oft recht chriſtlich und erbaulich hergeht. Doch ob es gleich nicht zu leugnen iſt, daß mitunter ſehr unerbanlich geredet, ſehr bitter, und oft allein mit Vernunftgründen geſtritten, und viel unnütze Worte gemacht wer⸗ den, ſo ſage ich doch: Dadurch, daß diejenigen, die den Schaͤden erkennen, wegbleiben, wird der Sache nicht geholfen und gerathen, ſondern es wird nur um ſo ſchlimmer. Steckt der Karren im Sumpf, ſteht das Haus bereits im zerſtö— renden Feuer, was nützt es da, davon zu laufen? Dann gilt es eben am meiſten, rüſtig zuzugrei— fen! Ihr daher, die ihr das Verderben ſehet, tretet nur furchtlos auf, ſtrafet das ungöttliche Weſen, und alle Wohlgeſinnten werden euch zur Seite ſtehen. „Ja,“ ſprichſt du, „ich dringe nicht durch.“ O, werde nur nicht müde. Da— vid ruft uns zu: „Recht muß doch Recht bleiben, und dem werden alle fromme Herzen zufallen.“ Habe daher nur Geduld und laß nicht nach mit Ermahnen, mit Strafen, mit Zureden, ſo wird dein Zeugniß gewiß nicht ungeſegnet bleiben; wollten aber die andern gar nicht hören, ſo würde der Segen nicht aus— bleiben, ſondern auf dich zurückkommen. „Ja,“ ſpricht ein anderer, „das iſt es eben, was mich zurückhält; ich habe keinen Segen in den Verſammlungen, ſondern mehr Schaden, Zer— ſtreuung des Gemüths, Aufregung und dergl.“