# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1858_S350 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 350 Zur Characteristik der Würtembergischen Kirche. Herzen betrübt, die Ungläubigen dagegen gestärkt werden, daß sie die frommen Ordnungen der Väter verachten, den Zaun der Kirche niederreißen, das Volk irr und wirr machen — rücksichtlos die frommen Ordnungen der Reformation zu verwerfen, wo sie über den Buchstaben der Schrift hinausgehen, oder sich überhaupt als feste Ordnungen geltend machen. Dies mit rücksichtlosem Eifer zu thun, ist christliche Freiheit und Pflicht, die man thun und gebrauchen muß; ist Treue und Sieg, der die Welt überwindet.“.. Es ist schon bemerkt, wie sich das Würtemberger Ländchen vor andern durch die Frömmigkeit und Gemüthlichkeit seiner Bewohner auszeichnet. Daß dies aber nur von einem, und zwar auch nur von dem kleinern Theile gilt, hat die Revolutionszeit hinlänglich gezeigt. Der christliche Theil aber sucht seine geistliche Nahrung vornehmlich in den Erbauungsstunden, hält sie (nach Eberle's Zeugniß) für das Heilige, während ihr die Kirche nur als Vorhof gilt. Hat doch selbst Herr Oberconsistorialrath Kapff wiederholt es öffentlich ausgesprochen, daß die wahre Kirche, die Gemeinde der Heiligen nur noch in den Conventikeln zu finden sei. Wie viel richtiger hat dagegen Eberle diese Ansicht als einen der pietistischen Auswüchse erkannt, die wieder abzuthun wären, auf daß gesundes kirchliches Leben wiederkehre. Das wäre nun der Pfarrer, der Seelsorger Aufgabe. Ist aber der Pfarrer ein Schüler und Anhänger Baur's, also ein Rationalist, so sind ihm die Stunden und Stundenhalter von vorneherein verächtlich, und er ist ihnen von vornherein verdächtig, da ist von einer heilsamen Einwirkung keine Rede; unter solcher Pflege können auch nur demokratische Elemente, nicht aber christliche und kirchliche gedeihen. Ist der Seelsorger aber ein Beckianer, so ists in Bezug auf die Conventikelleute und ihre Führer um nichts besser; denn auch ihm ist dies Wesen als methodistisches Formelwesen verächtlich, und sie zum „todten Formelwesen“ kirchlichen Sinnes zurückführen zu wollen, däuchte ihm ein schlechter Gewinn und eine große Thorheit; so muß auch sein Widerwille gegen Missions⸗ und Bibel⸗ und Tractatvereine ꝛc. ihm die Herzen jener Leute entfremden, die gerade hierauf so große Stücke halten. Es gibt aber noch eine dritte Klasse von Pfarrern in Würtemberg, die selbst Pfleglinge des alten Pietismus ihn wiederum pflegen und fördern nach Kräften. Aber anstatt einen heilsamen Einfluß auf die Pietisten, ihre Stunden und Stundenhalter auszuüben, stehen sie vielmehr unter dem Einflusse und der Macht dieser, also daß sie die Frömmigkeit über alles hochachtend sich nicht nur vor so manchem Stundenhalter beugen, sondern durch deren Ansehen sich auch mitunter zu Billigung ihrer falschen Lehren hinreißen lassen, wenigstens zu denselben stillschweigen und auch keinen Versuch machen, hier seelsorgerisch heilend und fördernd einzuwirken, wozu sie allerdings auf ihrem Standpuncte auch durchaus unvermögend sind. So mancher unter ihnen fängt aber an zu fühlen, daß das anders sein sollte; sie wissen nur nicht, wie es anzugreifen sei. Sie fühlen die Schwierigkeit der Aufgabe, und wagen den Versuch nicht, sie zu lösen; denn die Stundenleute und namentlich ihre Stundenhalter wollen aufs klügste und zarteste behandelt sein, will man nicht übel ärger machen und sich schnell um alles Ansehen, um allen Einfluß bei ihnen bringen.