# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 15_S114 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) gehalten werden oder wenn nicht an ihrer Stelle eine andere Einrichtung gemacht wird, die dieſelbe vollſtändig erſetzt. Was ſoll man daher dazu ſagen, wenn man ſo oft die Rede hört: „Ich gehe zur Kirche und zum heil. Abendmahle, ich gebe meine Bei— ſteuer, ich führe durch Gottes Gnade einen chriſtlichen Wandel — iſt das nicht für einen Chriſten genug?“ — Es iſt wohl wahr, für deine Perſon könnte es wohl genug ſein, aber nicht für deinen Nächſten, nicht für die Ge— meinde. Was du dir erlaubſt, mußt du auch andenn zugeſtehen; du mußt alſo zugeben, daß jeder von der Gemeindeverſammlung weg— bleiben kann. Was ſoll aber dann daraus werden? —Nichts Geringeres, als daß du das verlierſt, was du jetzt genießeſt und ſo hoch zu ſchätzen bekennſt. Denn wie die köſtliche Gabe ihr Gefäß bedarf, in dem ſie getragen wird, ſo bedarf auch die Kirche, ſo lange ſie noch in dieſer Welt ſtreitet, das Gefäß der menſchlichen Verwaltung, der äußerlichen Ordnung, der Zucht und eines ſichtbaren Gerichtsſtuhls. Willſt du nun nicht thätigen Antheil an den Gemeindeverſammlungen nehmen, ſo vernach— läſſigſt du eine theure heilige Pflicht. Aber hierbei wird vielleicht mancher ſagen: Wenn ich auch nicht komme, dadurch wird die Gemeinde noch nicht zerſtört; es ſind andere da, denen ich gutes Zutrauen ſchenke, die wer— den ſchon ohne mich alles nach Wunſch ver— ſorgen. Dieſer Einwand führt mich auf den zweiten Grund, warum es eine heilige Pflicht eines jeden ſtimmfähigen Gemeindegliedes ſei, die Gemeindeverſammlungen nicht ohne Noth zu verſäumen, er iſt nehmlich dieſer, weil es unbillig iſt, andere für ſich arbei⸗ ten zu laſſen, wenn man mit ihnen gleich verpflichtet iſt. Es iſt eine un⸗ ausſprechliche Wohlthat, wenn ſich irgend eine Anzahl Chriſten dazu vereinigt, ein rechtgläu— biges Predigt- und Schulamt aufzurichten, zu erhalten und alles zu ſeinem Fortbeſtehen her— beizuſchaffen und zu beſorgen. Wer nun den Genuß einer Sache mit andern gleich hat, der ſoll auch mit andern die damit verbundene Laſt auf ſich nehmen. Auch hier möchte man jenes Wort des Apoſtels anwenden: „Wer nicht arbeitet, ſoll auch nicht eſſen.“ Es iſt daher durchaus unbillig, wenn du zu Hauſe deiner Ruhe pflegen, oder unterdeſſen Geld ver— dienen oder ſpazieren gehen oder in aller Un⸗ geſtörtheit dich erbauen willſt, während deine Brüder ſich verſammeln zu deinem und aller Nutzen, ſich Zeit, Verdienſt und eine etwaige Erholung abbrechen und verſagen; ſich abmü⸗ hen, über das, was zur Wohlfahrt der Ge— meinde diene, klar zu werden und ihre Ge⸗ ſchäfte zu beſorgen, und die, damit nichts Nö— thiges liegen bleibe, ſich abſorgen, ſchwitzen und arbeiten, ſich auch manches Unangenehme ſagen laſſen, widerliche Streitigkeiten beizule— gen trachten u. dergl. Wie willſt du es vor dem Richterſtuhle eines durch das Wort Gottes erleuchteten Gewiſſens verantworten, wie willſt du es mit dem königlichen Geſetz der Liebe ver⸗ einigen, wenn du nur die Wohlthaten einer 114 chriſtlichen Gemeinde genießen, höchſtens die Laſt der Geldbeiträge tragen, aber die oft un— angenehmſten, aber zu ihrem Beſtehen unab— weislich zu beſorgenden Geſchäfte nicht über dich nehmen willſt? Dann iſſeſt du gewiſſer⸗ maßen im Geiſtlichen dein eigenes Brod nicht. Wie? mußt du nicht erröthen vor dem Spruch: Gal. 6, 2.: „Einer trage des Andern Laſt, ſo werdet ihr das Geſetz Chriſti erfüllen?? Mußt du dich nicht ſelbſt ſchelten, wenn dir der heil. Apoſtel die Worte in das Herz ruft: „Ein je— der ſehe nicht auf das Seine, ſondern auf das, was des andern iſt“? (Phil. 2, 4.) Kannſt du dann ruhig zu Hauſe ſitzen, wenn du weißt, jetzt ſind meine Brüder verſammelt, die gemein— ſchaftliche Laſt zu tragen; wirſt du dann nicht eilen, dich zu den Arbeitern zu geſellen und mit angreifen zu helfen, wo du kannſt? „Das iſt aber eben die Haupturſache, warum ich nicht komme, weil ich glaube, ich kann we— nig dabei thun,“ ſo ſpricht hierbei vielleicht Mancher in ſeinem Herzen. Dieſer höre nun meinen dritten Grund für die ſchuldige Theilnahme an unſeren Verſammlungen; er iſt nehmlich dieſer: Weil jeder Chriſt ſeine Gaben von Gott empfangen hat und zwar zum gemeinen Nu⸗ tzen. Denn alſo ſpricht der heil. Apoſtel Pau⸗ lus 1 Cor. 7, 7.: „Ein jeglicher hat ſeine eigene Gabe von Gott, einer ſo, der andere ſo;“ ferner Röm. 12, 4—6.: „Gleicher Weiſe, als wir in Einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geſchäfte haben; alſo ſind wir ein Leib in Chriſto, aber unter einander iſt einer des andern Glied, und haben mancherlei Gaben, nach der Gnade, die uns gegeben iſt.“ Ferner 1 Cor. 12.: „In einem jeglichen erzeigen ſich die Gaben des Geiſtes zum gemeinen Nutzen. — Auch der Leib iſt nicht Ein Glied, ſondern viele. So aber der Fuß ſpräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich des Leibes Glied nicht; ſollte er um deßwillen nicht des Leibes Glied ſein? Und ſo das Ohr ſpräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht des Leibes Glied; ſollte es um deßwillen nicht des Leibes Glied ſein? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? So er ganz das Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder geſetzt, ein jegliches ſonderlich am Leibe, wie er gewollt hat. — Nun aber ſind der Glieder viele, aber der Leib iſt Einer. Es kann das Auge nicht ſagen zur Hand: Ich darf deiner nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich darf eurer nicht. Son— dern vielmehr die Glieder des Leibes, die uns dünken die ſchwächſten zu ſein, ſind die nöthig— ſten. — Gott hat den Leib alſo vermenget, und dem dürftigen Gliede am meiſten Ehre gege— ben, auf daß nicht eine Spaltung am Leibe ſei, ſondern die Glieder für einander gleich ſor— gen.“ So weit der heil. Apoſtel. Mit die⸗ ſem herrlichen Vergleiche der Kirche und ihrer Glieder mit dem menſchlichen Leibe und dem Verhältniſſe der Glieder deſſelben zu einander ſchneidet St. Paulus alle ſolche Gedanken ab, als könne der eine oder andere Chriſt in der Kirche gar nichts helfen. Nein, ein jeder hat V. . ſeine Gaben, die zum Aufbau und zur Förde— rung der Wohlfahrt der Kirche dienen und ge— braucht werden ſollen. Und diejenigen Gaben, die nach der Vernunft die unfruchtbarſten zu ſein ſcheinen, ſind oft die wichtigſten. Haſt du nicht große Erkenntniß, nicht beſondere Beredt⸗ ſamkeit, nicht tiefen Scharfſinn, ſo kannſt du doch der Gemeinde oft großen Nutzen bringen, wenn du nur deine Stimme für das Beſte mit abgibſt; wenn du deine Mißbilligung unchriſt— lichen Weſens, das vorkommt, zu erkennen gibſt; wenn du Eifer für das Gute zeigſt; wenn du durch Beſcheidenheit, Demuth, Liebe, Ernſt, Verſöhnlichkeit voranleuchteſt ꝛc. Denn nachdem der Apoſtel in der letzt angezogenen Stelle von den Gaben aller Chriſten geredet hatte, ruft er endlich: „Strebet aber nach den beſten Gaben;“ — und welche verſteht er dar— unter? Er ſpricht es ſelbſt aus: „Strebet nach der Liebe.“ —O, es komme nur jeder mit dem Gebete in die Verſammlung: HErr, laß auch mich ein Schärflein mit beitragen zu Nutz und Frommen aller; ſo wird auch ein jeder für die ganze Gemeinde ein Segen werden. Das einfältigſte bloße Zeugniß iſt oft kräftiger, als die beredteſte und ſcharfſinnigſte Auseinander⸗ ſetzung. Doch ich gehe noch weiter. Ein vierter Grund für das, wofür ich gegenwärtig ver— mahne, iſt dieſer: Weil durch Verſäum⸗ niß der Gemeindeverſammlungen von Seiten einzelner Glieder die Gemeinde wenigſtens immer auf⸗ gehalten wird, wenn ſie Schritte zur Beſſerung thun will. Für dieſen Satz ſpricht die Erfahrung, die wir bisher ge— macht haben, ſo laut, daß es faſt nur noth thut, dieſen Grund einem jeden ins Gedächtniß zu rufen. Nach langen, oft ſehr mühevollen und läſtigen Berathungen und Kämpfen iſt ſchon oft etwas endlich beſchloſſen worden. Man freute ſich, daß es Gott endlich zu einer Einigkeit über einen wichtigen Gegenſtand habe kommen laſſen. Man ſahe es oft ſchon als eine mit großen Anſtrengungen und Opfern erſtrittene Beute an, und ſiehe! das eine oder das andere Glied der Gemeinde war weder bei dem Kampfe noch bei dem Friedensſchluß ge— weſen, kam endlich nach dem Abſchluß, erhob neue Bedenken und machte ſo wohl die Arbeit ganzer Monate und eines noch längeren Zeit⸗ raums vergeblich. Iſt das nicht traurig und kläglich? Wer will das, wenn er durch Träg⸗ heit und Geringſchätzung Schuld war, vor Gott verantworten? —Was geſchah? Entwe⸗ der wollte die Gemeinde die Sache nicht wieder aufnehmen, und nun mußte ſie ſich gefallen laſſen, für lieblos und gewiſſensdrängend an⸗ geſehen zu werden; oder die Gemeinde fing wieder von vorn an, opferte dem Einen mit unermüdlicher Geduld und Liebe die ganze ver⸗ floſſene lange Zeit und Mühe, aber die natür⸗ liche Folge war, daß die meiſten verzagten, den Verſammlungen, ich möchte ſagen, —feind, der⸗ ſelben wenigſtens überdrüſſig wurden und ſich zum Seufzen wider ihren Bruder bewegt fühl⸗ ten. O, wie viel koſtbare Zeit würden wir nicht verloren haben, wie viel unnütze Worte