# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1858_S338 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 338 Wider den Chiliasmus ꝛc. theilung seiner Predigt gar nicht lese, weil ich ihm jetzt nicht gern wehe thun möchte (ohne das ich aber gegen seine Predigt nicht schreiben kann), und weil ich noch hoffe, der sonstige Löhe wird den Herausgeber der Krankheitspredigt bald von selbst corrigiren. Gott wird's ihm ja nicht vergessen, daß er in der schmachvollen bairischen Retiradensache fest gestanden hat, als hohe Leute dem großen Drachen verhöhnten Weihrauch streuten, um ihre „künftige Wirksamkeit“ zu sichern (gut für die Kirche der Zukunft). Was aber schwarz ist, kann man nicht weiß nennen und das Uebel war dies, daß unser Kirchenblatt diese Predigt unsern Gemeinden empfahl. Unser Kirchenblatt ist ein Blatt unsrer preußischen Kirche im Ganzen, von unsrer Synode und vom Ober·Kirchencollegium empfohlen, daß man es fast halten muß, und das empfahl den Chiliasmus*), so scheint es wenigstens —oder nicht? Ist denn der Chiliasmus noch eine Sache, die man zu untersuchen hätte in der Kirche? Die Gelehrten mögen ihn immer nach Belieben wieder untersuchen, die Kirche hat ihn aber zu Augsburg verworfen. — Man denke jedoch nicht, wir hätten so aus heiler Haut mit dem Chiliasmus angebunden. Nein, es galt nur unser Leben zu vertheidigen, und darum schrieben wir wider den Chiliasmus. Die Geschichte ist ungefähr diese. Auf der letzten Synode hörte ein unirter Judenmissionar und extremer Chiliast unseren Berathungen zu. Gegen Ende der Synode macht derselbe eine Eingabe an die Synode, worin er dieselbe bittet, Judenmissionare anzustellen, und seinen Chiliasmus offen bekennt. Da empfiehlt eine Stimme der Synode, indem wir zwar kein Geld zur Anstellung von Judenmissionaren hätten, doch die Motive, d. h. die bewegenden Anschauungen der Eingabe, d. h. also den Chiliasmus gut zu heißen. Man wollte also ein Votum der Synode für den Chiliasmus. Dies war in vieler Hinsicht unrecht, denn die Synode hat in Lehrfragen überhaupt nichts zu beschließen und zu empfehlen; sondern der Lehrstand allein (?) — und zweitens hat unsere Kirche den Chiliasmus längst verworfen. Wie konnte auch die Synode jetzt den Chiliasmus billigen, da sie nur vor 14 Tagen einstimmig mit Begeisterung den Druck von Herrn Past. Wolfs Synodalpredigt beschlossen hatte, in welcher ja der Chiliasmus, der unter uns munkelte, wenn auch sehr kurz, so doch verdienterweise abgewiesen war?“**) — Nun, nach vierzehn Tagen standen auch sogleich mehrere gegen das gestellte Ansinnen auf, sich auf unser heiliges Bekenntniß berufend. Dagegen wurde eingewandt, man sei früher (wovon wir nichts wußten) in Breslau protokollarisch übereingekommen, in Sachen des Chilias⸗ *) Wenn wir Lutheraner, die seit 1517 so vieles —und wenn wir in Preußen, die in neuester Zeit doch auch manches auf uns genommen haben, nur um der reinen Lehre willen, nun selbst die Irrlehre empfehlen oder zur Auswahl vorhalten, so sind wir die allernärrischsten Leute, die wieder bauen, was sie selbst abgerissen haben (Gal 3, 3 v. 2, 18). Das hohe Papstthum verlassen wir um die Irrlehre —und zwar mit Recht —und ein neues, dagegen jämmerliches wollten wir bauen, darin die Juden Papst und Cardinäle zugleich wären: ich hoffe, der Teufel soll uns nicht so dumm befinden.— **) Es war übrigens auch unrecht, daß die Predigt, über welche die Synode einstimmig beschlossen hatte, nachher in Vergessenheit kam und doch nicht gedruckt wurde.