# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S316 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 316 Ungarn. In Ungarn und Siebenbürgen wird unter dem Namen „evangelisch“ das verstanden, was man jetzt hier „lutherisch“ nennt. Ungarns Protestanten pflegen von Menschen hergenommene Namen als Beleidigung zurückzuweisen. Dies geht so weit, daß es gesetzlich verboten ist, Evangelische und Reformirte als Lutheraner und Calviner zu bezeichnen. — In der Zeit gänzlicher Indifferenz, versuchte man eine Union. Durch die vorsichtige Energie eines damals tiefwirkenden Mannes wurde die Sache vereitelt, ohne das freundliche Neben⸗ und Miteinanderleben der Augeburgischen und Helvetischen Confession zu trüben. Demselben Manne gelang es auch, trotz der einstimmigen Opposition sämmtlicher Geistlichen, im Jahre 1848, die Umwandlung der Kirchendiener in Staatsdiener zu verhindern, was von der damals projectirten Uebernahme ihrer Besoldung durch den Staat die nothwendige Folge gewesen wäre. Die Besoldung und Versorgung aller kirchlicher Personen und Anstalten, liegt noch in den Händen Derer, welche des Evangeliums bedürftig sind. Man kann sagen, daß jedes Individuum, so wie für seine leiblichen, also auch für seine geistlichen Bedürfnisse, ganz auf eigene Hand sorge. Es läßt sich nicht läugnen, daß die evangelische Kirche Ungarns am Rationalismus einen schweren Fall gethan hat, und zwar so, daß schwerlich ein Glied ohne Beule, Wunde oder Quetschung davon kommt. So sehr daher eine natürliche Scham es verbergen will, so hilft es nichts! Ja, das Haupt fiel so hart auf, daß es bis zur Bewußtlosigkeit kam! — Es ist aber erfreulich, sagen zu dürfen, daß seit ungefähr 1838 Labung und Erquickung gebracht wurde. Die brüderliche Liebe eilte herzu, besonders aus Deutschland, und wenn auch ihr Strafen und Mahnen vielfach unangenehm und beleidigend vorkommt, Gott sei Lob und Preis! es wirkt. Hie und da keimt der in der Stille gesäete Same. Es treten jugendliche, vom evangelischen Geiste durchdrungene Männer auf, und nach und nach wird Leben in die erstorbenen Glieder kommen. Der Schlag von 1848 und 1849 war ein sehr energischer, wehethuender. Aber er ward der Evangelischen Kirche Ungarns zum Heil, er zieht sie nach Oben! Glücklicherweise hat die Furcht vor den Gemeinden dem Rationalismus und seinen zerreißenden Wirkungen Schranken gesetzt. Unter dem Samielhauche desselben sind zwar die Blätter verdorrt, aber die Lebenskraft des Stammes und der Zweiglein ist geblieben, um neue zu treiben. Der Schatz kirchlicher Einrichtungen ist noch unversehrt. Die Glocken ertönen Morgens, Mittags und Abends, um nach Oben zu ziehen. Tausende halten den Pflug inne, und senden einen Seufzer zu dem, der die Zeiten führt. Man sieht Leute mitten im Redesatz beim ersten Glockenschlag inne halten, den Hut abnehmen u. s. w. Sonntag Morgens rufen dieselben Glocken dreimal zur Kirche, und es wächst auf dem Kirchwege kein Gras. Nachmittags um 2 Uhr findet man den