# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S46 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 46 Verhandlungen der neunzehnten Verſammlung daß beide Schächer ihn geſchmäht hätten. Bekanntlich erzählt aber Lucas, daß von den beiden Mördern der eine ihn geläſtert, der andere an ihn ge⸗ glaubt hat. Dies als richtig angenommen, iſt die Angabe bei Matthäus nur zur Hälfte wahr. Wären mit Chriſtus drei Mörder gekreuzigt worden, ſo würde, falls zwei derſelben ihn geläſtert hätten, die Angabe des Mat⸗ thäus zwar immer ungenau ſein, aber nach dem Grundſatze a potiori fit denominatio zur Noth ſich vertheidigen laſſen. Bei zwei Mördern aber iſt ſie nicht bloß ungenau, ſondern genau ſo berechtigt oder unberechtigt als die gegentheilige: Es glaubten die beiden Mörder an ihn.“ („Zeugniß v. d. Grundwahrh. d. Prot. geg. Dr. Hengſtenberg.“ Leipzig, 1862, S. 76.) Und im Zuſammenhang damit hat Kahnis geſagt: „Die Vorausſetzung, daß die Evangelien frei von allerlei Unrichtigkeiten und Widerſprüchen ſind, iſt mit den ewigen Geſetzen der Wahrheit, welche der Schöpfer in den er⸗ kennenden Geiſt gelegt hat, unvereinbar.“ Und gleich darauf ſagt er: „Es iſt ein Mißbrauch des Gehorſams, welchen göttliche Geheimniſſe fordern, in Dingen dieſer Art, über welche die Vernunft entſcheiden kann, durch rabuliſtiſche Apologetik das Poſtulat: Die Evangelien können keine Wider⸗ ſprüche enthalten, durchzuführen. Wenn es anmaßlich iſt, in Dingen dieſer Art den Menſchenverſtand zu fragen, ſo iſt es auch anmaßlich, ſie mit Grün⸗ den des Menſchenverſtandes zu vertheidigen.“ Aber Kahnis hatte gar nicht noth, ſich hier ſo zu ereifern, als wenn man da vor einem der allerſchwierigſten und heikelſten Probleme der evan⸗ geliſchen Geſchichte ſtehe. Es iſt ja wahr, dieſe verſchiedenen Angaben des Matthäus und Marcus gegenüber Lucas haben ſchon manchen Bibelleſer etwas geſtoßen, daß er gedacht hat: Wie können denn Matthäus und Mar⸗ cus von beiden Uebelthätern reden, während wir doch bei Lucas leſen, daß der eine Schächer zur Rechten vielmehr den zur Linken geſtraft und geſagt hat: „Und du fürchteſt dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammniß biſt?“ Aber dieſer Knoten löſt ſich wirklich ganz leicht. Es iſt nicht einmal nothwendig anzunehmen, daß zu Anfang, vielleicht beim Hinausgehen zur Richtſtätte, auch der Schächer, der hernach zur Rech⸗ ten JEſu hing, noch geläſtert habe, und daß er erſt nachher, als er JEſu erſtes Wort am Kreuz gehört hat, zur Erkenntniß Chriſti gekommen und an⸗ dern Sinnes geworden iſt, wiewohl das ja auch möglich wäre. Die Reden der heiligen Schrift wollen eben ſo verſtanden ſein, wie man die Reden der Menſchen unter einander auch zu verſtehen pflegt. Wenn draußen auf der Straße ein älterer Mann von einem Knaben verhöhnt wurde, zwei haben das mit angeſehen und erzählen es dir, der eine ſagt: Da ging der alte Mann, und ein Knabe von zehn Jahren verhöhnte ihn auf offener Straße, der andere aber ſpricht: Wie mich doch der alte Mann dauert! Ich weiß, er hat daheim allerlei Elend und nicht viel Gutes, und nun muß er auch noch den Gaſſenbuben ein Spott ſein — da fällt es dir nicht ein zu denken: Die beiden widerſprechen einander, ſondern du verſtehſt ganz wohl, wie es