# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S45 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) der ev.⸗luth. Synodalconferenz von Nord⸗America. 1902. 45 Matthäus aber zieht nach ſeiner Gewohnheit die Geſchichte beider Heilungen kurz zuſammen, und da konnte er gar nicht anders ſchreiben, als er geſchrieben hat. Denn beide Male waren eben in der That viele Umſtände ganz gleich, aber ohne daß dies im geringſten wunderlich und verdächtig wäre. Wenn in einer Stadt zwei Blinde ſind, die betteln müſſen, iſt's dann ſo wunder⸗ bar, daß der eine vor dieſem, der andere vor dem andern Stadtthore bettelt? Gewiß nicht; wenn ſie beiſammen ſitzen, bekommen ſie viel weniger, als wenn jeder alleine bettelt. Daß JEſus ſowohl von dem einen wie von dem andern Blinden mit den Worten angeredet wird: „JEſu, du Sohn Davids, erbarme dich mein“, verräth zwar bei beiden eine ziemlich gute Bekanntſchaft mit dem, was ſie von JEſu zu halten hatten, iſt aber auch nicht ſehr zu verwundern. Es hätte dazumal ein unglücklicher Blinder, Beſeſſener, Gichtbrüchiger, ja, auch Ausſätziger in Iſrael ſchon ganz und gar nebendraußen wohnen und außer allem Verkehr mit dem Volke ſein müſſen, wenn er nicht gelegentlich zu hören bekommen hätte von dem wunderbaren JEſu von Nazareth, der umherging und geſund machte, und der im Volke bekannt war als ein Sohn Davids. Beide Male finden wir zwar auch, daß das umſtehende Volk die um Hülfe ſchreienden Blinden bedräut, ſie ſollen ſchweigen, aber doch mit einem Unterſchiede. Bartimäus, der zweite Blinde, der bei JEſu Weggang aus Jericho geheilt wurde, wird gehört haben, daß JEſus geſtern den andern Blinden hat zu ſich führen heißen und ihn geheilt hat. Darum ließ auch er ſich nicht abhalten, noch mehr zu ſchreien: „Du Sohn Davids, erbarme dich mein.“ Aber wir hören auch, daß am zweiten Tage das Volk zu Barti⸗ mäus ſprach: „Sei getroſt, ſtehe auf, er rufet dir.“ Und das that er dann auch gleich, warf ſein Kleid von ſich und ließ ſich zu JEſu bringen. Und ſoll uns etwa das wundern, daß der zweite Blinde, wie der erſte, auf JEſu Frage: „Was willſt du, daß ich dir thun ſoll?“ antwortete: „HErr, daß ich ſehen möge“? Würden wir uns nicht vielmehr wundern müſſen, wenn er anders geſagt hätte? Und endlich, daß nach geſchehener Heilung der eine wie der andere dankbar war, Gott preiſete und JEſu nachfolgte auf dem Wege, darin ſollen wir einen Widerſpruch erblicken, ein verdächtiges Zu⸗ ſammentreffen, um deswillen die eine oder die andere Geſchichte nicht wahr ſein könnte, oder beide nicht? Nein, nichts verſteht ſich doch eigentlich mehr von ſelbſt als dies. — Wenn nun aber, wie geſagt, Matthäus das, was das eine Mal bei JEſu Eingang, das andere Mal bei ſeinem Ausgang aus Jericho geſchah, hat kurz zuſammenfaſſen wollen, ſo konnte er es gar nicht anders machen, als wir es zu Anfang aus ſeinem Munde gehört haben. „Und die mit ihm gekreuziget waren, ſchmäheten ihn auch.“ (Marc. 15, 32. Luc. 23, 39.) Dazu bemerkt Kahnis: „Wenn wir über die beiden Schächer am Kreuz nur die Angabe des Matthäus hätten: Desgleichen läſterten ihn auch die mit ihm gekreuzigten Mörder, ſo wären wir gezwungen anzunehmen,