# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S25 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) der ev.⸗luth. Synodalconferenz von Nord⸗America. 1902. 25 man ſehen, was in ihr geſagt iſt, und kann das, was von hoch oben unter einem falſchen und verkehrten Geſichtswinkel erſcheint, in ſeiner richtigen Ordnung erkennen. Endlich gibt es aber auch ganz gute lutheriſche Chriſten, Paſtoren und Laien, denen es trotz ihrer Herzensüberzeugung, die heilige Schrift könne ſich nicht widerſprechen, doch öfter vorkommen will, als widerſpreche ſie ſich gleichwohl. Zuweilen hat das ſeinen Grund darin, daß die Leſer der hebräiſchen und griechiſchen Sprache gar nicht oder nur ungenügend mäch⸗ tig, mit den Sitten und Gebräuchen, die in der Schrift vorausgeſetzt werden, nicht hinreichend bekannt ſind. Zuweilen hat es ſeinen Grund darin, daß ſie auf das, was vorhergeht und nachfolgt, nicht genug geachtet haben. Wer am Schluſſe der Gebote oberflächlich lieſt: Ich ſuche die Miſſethat der Väter heim an den Kindern, und überſieht, daß von Kindern geredet iſt, „die mich haſſen“, der muß freilich einen Widerſpruch hierin finden mit den Worten: „Der Sohn ſoll nicht tragen die Miſſethat des Vaters.“ Gar oft iſt aber auch die Urſache davon, daß man Widerſprüche zu ſehen meint, dies, daß man eigentlich gar nicht recht weiß und ſich klar geworden iſt darüber, was denn ein eigentlicher, wirklicher Widerſpruch iſt. Wenn in einem Buche auf einer Seite ſteht: Der Tempel des Leibes JEſu iſt am Charfreitag gebrochen worden, und drei Seiten weiter hieße es: Der Tempel des Leibes JEſu iſt am Charfreitag nicht gebrochen worden, ſo ſcheint dies ein unbedingter und unauflöslicher Widerſpruch zu ſein. Und muß es doch nicht ſein. Wenn das erſte Mal die Meinung der Schriftſtelle iſt: JEſus iſt am Charfreitage getödtet worden, ſein Leib, wenn man ihn mit einem Tempel vergleichen will, iſt da gleichſam abgeriſſen, abgebrochen worden, ſo bleibt dieſe Wahr⸗ heit ganz und gar und vollſtändig beſtehen neben der andern, daß ihm bei Gelegenheit ſeines Todes ebenſowenig die Beine gebrochen worden ſind, als im alten Teſtamente dem Oſterlamm ein Bein zerbrochen werden durfte. Es iſt eben dann das erſte Mal bildlich, das andere Mal eigentlich vom Brechen des Leibes Chriſti geredet. Bekanntlich findet ſich dieſer ſcheinbare Wider⸗ ſpruch in der Schrift, der ſich aber, wie wir wiſſen, in nichts, ja, in Harmo⸗ nie auflöſt. Wenn ich in einem Falle leſe: Am 3. März 1861 hob Zar Alexander II. durch ein kaiſerliches Edict die Leibeigenſchaft in Rußland auf, und in einem andern Buche: Am 19. Februar 1861 wurde durch ein kaiſer⸗ liches Edict die Aufhebung der Leibeigenſchaft in Rußland verfügt, ſo ſcheint das durchaus ein Widerſpruch zu ſein, denn der 3. März und der 19. Februar ſind doch ganz verſchiedene Daten. Und doch iſt kein Widerſpruch vorhan⸗ den; denn das eine Buch gibt den Tag nach dem gregorianiſchen Kalender an, den wir auch brauchen, das andere Buch bezeichnet den Tag nach dem alten Kalender. Der 3. März 1861 iſt eben kein anderer Tag als der 19. Februar alten Stiles. So ſcheint es ſich auch ganz und gar zu wider⸗ ſprechen, wenn wir bei Marcus leſen: „Es war um die dritte Stunde“ (das heißt, früh neun Uhr), „da ſie ihn kreuzigten“, wobei er dann weiter er⸗