# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S9 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) der ev.⸗luth. Synodalconferenz von Nord⸗America. 1902. 9 Laien die Bibel aus der Hand, wenn ſie ihnen dahinein ſollte gekommen ſein, und verbietet ihnen das Leſen. Hat doch einſt Pabſt Innocenz III. geſagt: ſowenig das Volk herzutreten durfte zu dem heiligen Berge Sinai, auf dem Gott ſein Geſetz geben wollte, ſo wenig ſtehe den Laien der Zu⸗ tritt zur heiligen Schrift frei; und wie das Volk, wenn es gleichwohl her⸗ zutrat, des Todes ſterben ſollte, ſo verdienen es auch die Laien, die wider Verbot die Schrift leſen. Ja, wenn einmal innerhalb der römiſchen Kirche in beſchränktem Kreiſe der Trieb entſteht, die heilige Schrift zu leſen, dann iſt wohl die römiſche Kirche ſelbſt im Stande, als Grund, warum das nicht angehe, auch das mit anzuführen, Laien ſeien nicht im Stande, die Wider⸗ ſprüche zu löſen, die ſich in der heiligen Schrift fänden, obſchon dieſelbe römiſche Kirche ſonſt zu anderen Zeiten und aus anderem Anlaſſe es paſſend findet zu ſagen, die Schrift widerſpreche ſich nicht, nur müſſe man eben immer die Auslegung des unfehlbaren Lehramtes der Kirche bei ihrer Lec⸗ türe feſthalten und nicht glauben, daß man ſich da ſelbſt helfen und etwa aus der Schrift ſelbſt ſich Raths erholen könne. So war es aber nicht immer. In den erſten Jahrhunderten der chriſt⸗ lichen Kirche war den Chriſten das Leſen der heiligen Schriften und die Beſchäftigung mit ihnen nichts Ungewöhnliches, ſo viel ſchwerer es auch dazumal noch war als heutzutage, die heiligen Schriften, und vollends die ganze Bibel, zu beſitzen. Damals machten nun Chriſten, die fleißige Bibel⸗ leſer waren, einerlei ob ſie Prediger oder Zuhörer des göttlichen Wortes waren, dieſelbe Erfahrung wie heute, daß es ihnen zuweilen ſcheinen wollte, als laſſe ſich nicht alles, was die Schrift ſagt, wohl mit einander vereinigen. Und wenn ſie dieſe Erfahrung nicht ſelbſt machten, wurden ſie von den Fein⸗ den der Kirche auf ſolche angebliche Widerſprüche aufmerkſam gemacht. Daher entſtand denn auch ſchon zu jener Zeit manches Buch, in dem gerade die Frage behandelt wurde, ob es in der Bibel Widerſprüche gebe? Ich will nur auf ein Werk aufmerkſam machen, auf das des Auguſtinus vom Jahre 400 nach Chriſto: „De Consensu Evangelistarum“, das heißt: Von der Uebereinſtimmung der Evangeliſten. Es ſteht im vierten Bande der Venediger Benedictiner⸗Ausgabe von Auguſtins Schriften und iſt in vier Bücher eingetheilt. Im erſten Buche wendet ſich Auguſtin gegen die, welche daran Anſtoß nahmen, daß Chriſtus nicht ſelbſt geſchrieben hat, gegen die, welche vorgaben, die Apoſtel hätten ihrem HErrn eine größere Würde zugeſchrieben, als er ſelbſt ſich zuſchreibe, indem ſie ihn Gott nannten; auch hätten ſie etwas anderes gelehrt, als was ſie von JEſu gelernt hätten. Im zweiten und dritten Buche zeigt er dann, das Evangelium Matthäi als Leit⸗ faden benutzend, daß die Evangelien ſchön mit einander harmoniren und keine Widerſprüche enthalten. Im vierten Buche bringt er dann Abhand⸗ lungen über einzelne wichtige, ganz beſonders angefochtene Abſchnitte der Evangelien. Dieſes Werk iſt von Luther, Chemnitz und anderen überaus hoch geſchätzt worden, und zwar ganz nach Verdienſt. Denn neben dem