# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 11 18_S21 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 18. November 1844. No. 6. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. Wort und Sacrament, die einzig untrüglichen Kennzeichen der Kirche. Wir haben in der zweiten Nummer unseres Blattes die Behauptung aufgestellt, daß es etwas anderes sei, wenn man uns frage: Woran erkennt man die Kirche und wo wird sie sichtbar? ein anderes: Wer ist die Kirche? Wir setzten hinzu: Auf die erste Frage antworten wir: Sie wird erkannt an der reinen Predigt göttlichen Wortes und an dem rechten Gebrauch der h. Sacramente; auf die andere: Die Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen. Diese unsere Erklärung ist von Herrn Oertel in seinem Wahrheitsfreund (VIII, 7. 52.) angegriffen worden. Herr Oertel verwirft nehmlich daselbst nicht nur die lutherische verschiedene Betrachtungsweise der Kirche als einer sichtbaren und unsichtbaren, sondern findet auch in unserer Angabe jener Kennzeichen der Kirche einen Zirkelschluß. Er bemerkt ferner, daß die von uns angegebenen Merkmale darum die rechten nicht sein könnten, weil sie auch von solchen Gemeinschaften in Anspruch genommen würden, die wir selbst als Secten von uns ausschlössen, und weil sich ja eben um das der Streit unter den Protestanten bewege, wer das Wort und die Sacramente rein und recht habe; nun könne ja eine streitige Sache nicht zu einem Kennzeichen dienen. Daß Herr Oertel gerade diesem Gegenstand seine Aufmerksamkeit gewidmet hat, befremdet uns keineswegs. Derselbe hat es sicher gefühlt, was es ihm gelte, wenn er das zugestehen würde, daß, wie wir behaupteten, Wort und Sacrament in ihrer Reinheit die rechten Kennzeichen der Kirche seien. Er wußte recht wohl, daß die römische Kirche die angegebenen Merkmale freilich nicht aufweisen könne, daß also hiemit der faule Fleck dieser seiner Kirche berührt war; daß daher das ganze Gebäude, in welches er sich in dieser verwirrungsvollen Zeit geflüchtet hat, über seinem Haupte zusammenfallen und er den schwankenden Boden, worauf er sich gestellt hat, verlassen müsse, gelänge es ihm nicht, jene Kennzeichen sich selbst und andern verdächtig und unsicher zu machen und so den darin liegenden schlagenden Beweis zu entkräften. Mag es aber Herr Oertel sich und seinen Lesern noch so „anschaulich“ zu machen versuchen, daß in dem Satze ein Zirkelbeweis liege: „Die Kirche ist da, wo Gottes Wort rein gelehrt und die h. Sacramente nach Christi Einsetzung verwaltet und gebraucht werden,“ so täuscht er damit nur sich selbst und andere. Sein Urtheil kann, wenn wir nach der Liebe das Beste hoffen wollen, nur aus einem falschen Begriff von dem Wesen der Kirche hervorgegangen sein. Es freut uns übrigens, hierdurch veranlaßt zu werden, uns gegen die Leser des Lutheraners über einen Gegenstand weiter auszusprechen, worüber insonderheit jetzt einem jeden die vollste Klarheit nöthig ist, der nicht durch den Schein bald dieser bald jener Secte berückt werden will. Doch zur Sache. Die Kirche ist, lieber Leser, das Reich, welches Christus, der Sohn Gottes und Heiland der Welt, auf Erden gestiftet hat. Von demselben sagt er aber: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt;“ und an einer andern Stelle: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Hieraus ersieht der Leser, wenn man davon redet, was Christi Kirche eigentlich nach ihrem wahren Wesen ist, so ist damit nichts Aeußerliches, Sichtbares oder mit irgend einem Sinne Wahrzunehmendes, sondern etwas Unsichtbares, ein geistlisches himmlisches Reich auf Erden gemeint. Das menschliche Geschlecht ist nehmlich in die Sünde gefallen und dadurch von Gott abtrünnig geworden, der göttlichen Ungnade, dem Tode und der ewigen Verdammniß unterworfen. Darum wurde nun Christus schon im Paradiese verheißen, und darum lebte, litt und starb er, als die von Gott bestimmte Zeit erfüllt war, um aus diesem verlornen und verdammten menschlichen Geschlechte sich eine Kirche zu sammeln, d. h. eine Gemeine derer, welche selig werden. Wer nehmlich an den Heiland der Sünder durch die Gnadenwirkung des h. Geistes von Herzen glaubt, der ist dadurch von der Obrigkeit der Finsterniß errettet und in das selige Gnadenreich des Sohnes Gottes versetzt. Die Kirche ist daher die Gesammtheit aller derer, welche an Christum wahrhaftig glauben, wo sie sich auch finden mögen in der Welt. Das ist der geistliche Leib JEsu Christi (Col. 1, 18), und Er ist ihr Haupt. Nicht darum also ist die Kirche unsichtbar, weil man die Glieder derselben nicht sehen könnte, sondern weil man das Werk des h. Geistes, den Glauben, nicht sehen kann, den die Glieder dieser Kirche in ihrem Herzen tragen, weil man die wahren Christen, die die Kirche eigentlich allein ausmachen, nie mit Sicherheit aus den Heuchlern herausfinden kann. Wir können und sollen es wohl nach der Liebe hoffen, daß der im wahren Glauben stehe, der es mit Worten und Werken bekennt; aber gewiß können wir es nicht wissen, denn Gott allein ist es, der das Herz ergründen und die Nieren prüfen kann (Jer. 17, 10.); der HErr allein kennet die Seinen (2 Tim. 2, 19.). Daher heißt es auch in dem dritten Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses nicht: Ich sehe, sondern: „Ich glaube Eine h. christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen;“ könnte man die Kirche sehen, so brauchte man sie nicht zu glauben. Hierüber spricht Luther: „Es ist dies Stück: Ich glaube eine h. christliche Kirche, ebensowohl ein Artikel des Glaubens, als die andern. Darum kann sie keine Vernunft, wenn sie gleich alle Brillen aufsetzt, erkennen. — Sie will nicht ersehen, sondern ergläubt sein; Glaube aber ist von dem, das man nicht siehet. Hebr. 11, 1. — Es ist ein Christ auch wohl ihm selbst verborgen, daß er seine Heiligkeit und Tugend nicht siehet, sondern eitel Untugend und Unheiligkeit sieht er an sich; und du grober Klügling wolltest die Christenheit mit deiner blinden Vernunft und unsauberen Augen sehen? Summa, unsere Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt.“ (XIV, p. 161.) So gewiß es nun ist, daß die wahre Kirche nach ihrem Wesen ein geistliches unsichtbares Reich ist, so gewiß ist es jedoch zugleich, daß ein jeder, der selig werden will, in die Gemeinschaft dieser Kirche treten, sich zu ihr halten und bekennen muß. Deutlich sagt der HErr: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle (dem jüdischen Volke). Und dieselbigen muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird Eine Heerde und Ein Hirte werden.“ (Joh. 10, 16.) Dasselbe sagt Johannes aus, wenn er spricht: „JEsus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein; sondern daß er die Kinder Gottes, die zerstreut waren, zusammenbrächte.“ (Joh. 11, 51. 52.) Diese Zusammenbringung aller Kinder Gottes in Eine Kirche war also der Zweck des Todes des Sohnes Gottes. Wer sich von dieser wahren Kirche trennt, der trennt sich von Christi Leib, also von ihr selbst; außer ihr