# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S300 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 300 Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? den, wie Herr Doctor Philippi bindet, so ist es um alle Freiheit geschehen, fiele auch alles Interesse weg, sich mit Ausbildung der Dogmatik zu beschäftigen.“ (s. Schmid, Doctor von Hofmanns Lehre von der Versöhnung, S. 46.) Es mag sein, daß dies wirklich der Fall ist; umgekehrt darf aber auch ich Ihnen das Geständniß machen: ist man nicht mehr an die kirchliche Dogmatik gebunden und gilt es nur, in eigener selbstherrlicher Freiheit die Dogmatik auszubilden, so dürfte nach einer andern Seite hin für Viele alles Interesse hinwegfallen, nicht etwa mit Dogmatik, sondern mit dieser Art von Dogmatik sich sonderlich viel zu beschäftigen. Wie weiland Vilmars Professor vom Katheder herab sein: in futuram oblivionem, meine Herren! sprach, so kann es leicht geschehen, daß man jetzt von gar manchem gelehrten Buche mitten aus der Kirche heraus das Urtheil hört: in oblivionem praesentem, meine Herren! Möchte die Kluft, die sich zwischen den Männern der Theorie und den Männern der Praxis, so viel ich sehe, in dieser entscheidungsreichen Zeit vielleicht gerade jetzt mehr als je zu öffnen droht, durch ein rechtzeitiges Einlenken nicht noch mehr zum Unheil für die Kirche, wie für die wahre Wissenschaft, d. h. die kirchliche Theologie erweitert werden! Hier unten im Thale, wo z. B. ich stehe, ist man froh, nach den Tagen der Ueberschwemmung die alten Schätze allmählig wieder zu finden, und die neuen Wellen, die abermals von den Höhen der Wissenschaft herab zu kommen scheiden, kommen uns in der täglichen Arbeit des Berufes durchaus nicht immer wie das fruchtbringende Wasser vor, das unserer Arbeit Gedeihen verschaffen könnte. Auf den heiteren Höhen der Wissenschaft, wo wenigstens oft classische Freiheit mehr werth zu sein scheint, als die Noth und das tägliche Brod der Kirche, mag man sich nur ja keinen Illusionen hingeben und auch bisweilen nach Denjenigen sich umsehen, die in ihren praktischen Arbeiten sich des heitern Glanzes der freien Wissenschaft nun einmal wenigstens nicht ohne mancherlei Bedenken erfreuen können. Ich weiß wohl, daß an einem gewissen normirenden Orte geschrieben steht: cetera autem symbola et alia scripta, quorum paulo ante mentionem fecimus, non obtinent autoritatem judicis: haec enim dignitas solis sacris literis debetur: sed duntaxat pro religione nostra testimonium dicunt, eamque explicant, ac ostendunt, quomodo singulis temporibus sacrae literae in articulis controversis in ecclesia Dei a doctoribus, qui tum vixerunt, intellectae et explicatae fuerint et quibus rationibus dogmata cum sacra scriptura pugnantia rejecta et condemnata sint. Judex ist also die Schrift und bleibt es, aber es giebt auch testes zu allen Zeiten, und diese testes waren die doctores in ecclesia Dei. Ich darf es Ihnen gestehen: es wird einem nachgerade manchmal ganz wunderlich zu Sinnen, wenn man diesen doctoribus in ecclesia gegenüber die heutige protestantische Freiheit sich so energisch als möglich reserviren hört, und dagegen, ohne gerade viel vom „testimonium“ zu hören, der modernen Willkühr im Theologisiren Thor und Thür aufgethan sieht. Sollen wir unsere heutigen doctores et testes in ecclesia ehren, so möchten wir doch auch, daß die vete-