# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S299 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? 299 nescio. Miraris, quia ego nescio: omnis creatura ignorat.“ Dabei will ich nicht leugnen, daß es allezeit die Aufgabe der Theologie ist, wie sie es war, über dieses Mysterium nachzusinnen. Unter allen Christologien aber, von der speculativen des Pantheismus bis auf sämmtliche constitutionelle der gläubigen Wissenschaft, kenne ich keine, die mir, bei allen undurchdringlichen Tiefen, die Schrift und das christliche Leben so verständlich macht, als die kirchliche. Zum Schluß nun noch, theuerster Herr Professor, erlauben Sie mir, Ihnen mein inniges Bedauern aussprechen zu dürfen, daß ich gerade gegen Sie die Feder ergriffen habe. Wie lieb wäre es mir gewesen, wenn Sie gemäß den Symbolen und der Kirche Ihre Dogmatik hätten schreiben können! Es wäre eine große Stärkung gewiß für Viele mit mir gewesen! Gerade diese Lehre, im kirchlichen Sinne dargestellt, hätte von ungemeiner Tragweite für uns Pastoren sein müssen. Unser Dienst ist am Altare und auf der Kanzel, in den Schulen und an den Krankenbetten, da sollen wir das Bekenntniß der Kirche lebendig machen. Wie stärkend wäre es für uns gewesen, wenn wir von Ihnen in dieser so praktischen Lehre gefördert worden wären! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen mein Herz ein wenig weiter aufthun darf, als es gerade in Veranlassung Ihres Buches nöthig ist. Ich möchte Ihnen den Schmerz mittheilen, den mit mir,—ich weiß es,—Viele haben, daß es jetzt fast zum Princip geworden ist, daß die Doctoren unserer Kirche, auch diejenigen, die wir sonst aufs Höchste verehren, sich nicht nur einmal über das andere verwahren, daß man sie nicht an die veteres doctores ecclesiae binde. In freier, ungebundener Wissenschaft wollen sie die Kirchenlehre reproduziren und reformiren und dabei die Symbole, freilich taliter qualiter, zum Bestandtheile ihres Systems mit verarbeiten.*) Es sind Aeußerungen in dieser Weise gethan worden, daß wir beinahe mehr Achtung vor unserm kirchlichen Lehrsystem bei Bellarmin und der großen Union unserer Tage finden, als bei den Lehrern unserer eigenen Kirche. Während wir im praktischen Leben unter schweren Kämpfen nach allen Seiten hin uns abmühen müssen, daß unser kirchlicher Bestand bleibe und wachse, müssen wir es von hochgeehrten Männern der kirchlichen Wissenschaft immer von Neuem hören, daß dieselbe Kirche, der wir dienen, „verwirrende“ Aussagen gethan habe, und daß die alten Lehrer nur heut leben müßten, um „sofort“ einzusehen, daß man sich so nicht ausdrücken dürfe, wie sie sich ausgedrückt haben. Daß man nach der heiligen Schrift ganz richtig, nach der kirchlichen Dogmatik aber ganz falsch lehren könne, das ist uns ja noch neuerlich ziemlich ausführlich auseinander gesetzt worden. „Denn ist man an die kirchliche Dogmatik gebun- *) „An der Hand der Wissenschaft („die Alles weiß und Alles zu geben vermag, denn sie ist Wissenschaft und giebt Wissenschaft“), fände die rhetorische Theologie gar zu gern etwas Neues, machte gar gern neue Entdeckungen, gewönne neue Einblicke, oder gelangte auf das Wenigste zu einer überschaulichen Systematik. Der Kitzel dieses Neues⸗Findens, der Kitzel dieser Entdeckungen ist es, von dem die Rhetorik unaufhörlich geplagt wird, den sie doch nicht befriedigen kann.“ (Vilmar a. a. O. S. 15.)