# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S298 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 298 Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? Personbildung des Gottmenschen gelungen sei, was aber haben Sie, während Sie auf Erden Frieden machen, indeß im Himmel angerichtet? Gott und Menschen haben Sie vereinigt, aber die Gottheit haben Sie zerrissen; auf Erden und in die Vernunft haben Sie Frieden gebracht, in den Himmel aber den Krieg. Läßt sich nach Ihrer Theorie die Personeinheit des Gottmenschen herstellen, warum dringen Sie denn so entschieden darauf, daß der Logos die Herrlichkeit abgelegt und zu dem einen Wunder, der Incarnation nämlich, das die Schrift lehrt, und die Kirche bekennt, und das wir, wenn auch nicht begreifen, doch vertheidigen können, noch ein zweites Wunder gethan und sich selbst seines göttlichen Wesens beraubt haben soll? Konnte der Logos das erste Wunder, so konnte er doch nimmermehr das zweite. Darum müssen wir es entweder ganz lehren oder gar nicht. Den vorgebrachten Beschuldigungen, daß dadurch dem Nestorianismus oder Eutychianismus die Thür geöffnet werde, oder aber, daß aus dem Erlöser ein ganz undenkbares Wesen entstehe, sollte ein lutherischer Theolog doch nicht so eilfertig aus dem Wege gehen. An diesem Satze muß die lutherische Theologie unverbrüchlich stehen bleiben: ist Gott Mensch geworden, so muß er es ganz geworden sein. Es ist nur eine Concession an die zeitgeistige Wissenschaft, wenn dieses Wunder nur dadurch als ein Wunder gepriesen wird, daß man es seiner Herrlichkeit wissenschaftlich wieder entkleidet. Man kann sich das gewiß nicht anders erklären, als daher, daß man Scheu hat vor den Sätzen, die die alte Kirche mit der größten Unbefangenheit ausgesprochen hat: daß nämlich das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz die Welt regiert. So lange wir diese Thorheit des Evangeliums nicht überwinden können, so lange freilich werden wir immer lieber eine mehr humanistisch⸗faßbare und vollendete Persönlichkeit des Gottmenschen im Namen der Wissenschaft postuliren. Meiner Meinung nach müssen wir in unsern dogmatischen Aus⸗ und respective Weiterbildungen nicht unter das Niveau der kirchlichen Gedanken hinabsinken, denn sonst giebts keine Weiterbildungen, sondern nur Durchbrüche. Jeder Abfall von den Hauptfundamenten des kirchlichen Lehrsystems muß zu Mißbildungen führen, oder aber die Kirche hat sich und Andere mit Mißbildungen gequält. Tertium non datur. Ob wir aber jemals in diesem Leben tiefer in das Geheimniß werden eindringen können, als Brenz und Chemnitz als Theologen, und Nicolai als Praktiker—die Differenzen zwischen diesen und anderen Theologen sind den Abgründen der modernen Christologie gegenüber für nichts als interessante Variationen zu achten,—das muß so lange die Frage bleiben, bis wir im Anschluß an die Geschichte einen vorläufigen Abschluß sehen und keinen Bruch. So wie Paulus 1. Timoth. 3, 16 das Geheimniß der Menschwerdung Christi „anerkannt groß“ (ὁμολογουμένως μέγα) nennt, so hat es auch die Kirche zu allen Zeiten gethan. Chemnitz hat ein eigenes Kapitel in seinem Buche de duabus naturis in Christo darüber, daß dieses Geheimniß nicht erforscht werden könne. Da finden sich goldene Sprüche aus Justin, Origenes, Athanasius, Cyrill u. A. m. Chrysostomus sagt daselbst: „Scio, quod verbum caro factum est, et quomodo factum sit,