# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S297 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? 297 den Sie durch einen salto mortale des Logos entfernen wollen, den lassen Sie über diese Nothbrücke wiederum vollständig herein, indem Sie durch die Hülfe des heiligen Geistes dem in der Welt erniedrigten Gottmenschen doch wieder zu seiner trinitarischen Herrlichkeit verhelfen.*) So bekommt er ja alle abgelegte Herrlichkeit am Ende doch wieder! Oder aber legt der heilige Geist seine Allmacht auch ab und depotenzirt sich ebenfalls, indem er sich mit dem erniedrigten Gottmenschen verbindet? Dann aber hat sich nicht bloß der Logos erniedrigt, sondern auch der heilige Geist. Ist das aber nicht der Fall, bleibt der heilige Geist in seiner Hingabe an den Gottmenschen in der Erniedrigung in allen seinen göttlichen Proprietäten uneingeschränkt, welches Verhältniß entsteht dann? Der Sohn hat die Doxa abgelegt, nicht aber der ihm inwohnende heilige Geist, der sie aber, da er zwiefach, von Natur und von Amtswegen, im Gottmenschen wohnt, diesem mittheilt.†) Das werden Sie aber nicht zugeben wollen, da sonst das ganze System eine bedenkliche Lücke zu Gunsten des kirchlichen Systems erhalten würde. Also bleibt nur übrig, daß der heilige Geist sein Amt an dem erniedrigten Logos so verrichtet,—wie, ist freilich nicht einzusehen—, daß der Logos trotz der Mittheilung des heiligen Geistes so niedrig bleibt, wie sie ihn gestellt haben. Dann freilich wird es allerdings Ernst mit der andern Seite Ihres Systems, nach der der Logos nur noch in dem erniedrigten Gottessohne existirt. So aber ist ein vollends Unbegreifliches zu Stande gekommen. Die trinitarische Einheit ist aufgelöst. Die zwei Personen in der Gottheit haben ihren Einheitspunkt verloren, die eine Person ist nicht mehr unter ihnen im Himmel, sie weilt indeß auf Erden, spricht, handelt und lebt wie ein Mensch unter Menschen, ist, freilich mit Ausnahme der Sünde, der Macht des Todes verfallen und erlösungsbedürftig geworden! Ist das nicht gegen alle Vernunft der Schrift? Oder soll es etwa deshalb möglich sein, weil Gott es gewollt aus Liebe zu den Menschen? Nun, wenn Sie uns das zumuthen, dann dürfen Sie auch nicht das Scandalum angreifen, das das kirchliche System mit seiner doppelten Menschheit und seinem in der Krippe liegenden und zu gleicher Zeit das Universum durchwaltenden Logos in gerechten Anspruch nimmt. Ich finde, daß, was das kirchliche System etwa Verletzliches hat, sich in der Charybdis des Ihrigen reichlich wiederfindet. Ich will einmal zugeben, daß Ihnen die *) Die reformirte Kirche (s. Schneckenburger, Vergleichende Darstellung des luth. und reformirten Lehrbegriffs, II. S. 195) bedurfte des heiligen Geistes als eines Bandes zwischen der Menschheit und der göttlichen Natur des Logos. Die menschliche Natur ist der reformirten Kirche non capax infiniti, sie braucht als Vermittelung zwischen der menschlichen und göttlichen Natur den heiligen Geist. Nach Thomasius Anschauung ist der Logos nicht mehr capax infiniti, er braucht dazu den heiligen Geist. Das ist substantiell ein reformirter Gedanke, denn ob die Incapacität für das infinitum die menschliche oder die göttliche Natur trifft, das ist gleich, das Gebrechliche ist eben die Incapacität. Und wenn ich wählen müßte, so wollte ich lieber die altreformirte Incapacität der menschlichen Natur wählen, als die Thomasius'sche Incapacität des Logos. †) Könnte man nicht lieber gleich mit Coccejus sagen, das πνεῦμα ἅγιον Matth. 1, Luc. sei die persona filii Dei?