# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S295 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? 295 bleibt er immer ein vollständiger Mensch, wollte er aber die Hände und Füße sich abhauen und sagen, durch sie stand ich in Beziehung zur Welt, ohne sie nicht mehr, und bin doch noch ein Mensch, so würde man ihm sagen müssen: ein Mensch bist du, aber ein verkrüppelter. Wir werden daher bei dem Satze der Concordienformel stehen bleiben müssen: „quantum ergo ad divinam in Christo naturam attinet, cum in ipso nulla sit, ut Jacobus testatur 1, 17, transmutatio divinae Christi naturae, per incarnationem nihil quoad essentiam et proprietates ejus vel accessit, vel decessit, et per eam in se vel per se neque diminuta neque aucta est. Wenn aber aus dem Bisherigen hervorgeht, daß die Lehre von den immanenten und relativen Eigenschaften der schwache Punkt Ihres Systems ist, bei dem man auf die Länge weder wird verharren wollen, noch können, weil die Consequenz desselben, wenn sie nicht zum vollen kirchlichen Systeme zurückdrängt, einen neuen Gnosticismus*) hervorrufen wird, der entweder in noch fremdartigeren Resultaten sich gefällt oder im pantheistischen und ordinären Rationalismus schließlich wieder endigt, so muß ich auch noch daran erinnern, daß außer dem schwachen Punkte der Dialektik hier noch ein viel gefährlicherer Punkt für die ganze Heilslehre wird ins Auge zu fassen sein. Wenn nämlich der Logos die Allwissenheit abgelegt hat und trotz seines göttlichen Wissens doch vor allen Dingen ein wahrer und zwar erlösungsbedürftiger Mensch geworden ist, so muß er auch, wie es Menschenart ist, als Gottmensch nicht allein haben schlafen und nicht wissen, sondern auch vergessen können. Nun denken Sie sich Ihren Gottmenschen als Erlöser der Welt, wie er nicht allein geschlafen und gestorben, wie er auch Vieles nicht gewußt und Vieles wieder vergessen, was er gewußt. Wie ist es nur möglich, daß dieser zwiefach depotenzirte Gottmensch, depotenzirt als Gott und depotenzirt als Mensch, die Menschheit auch nur habe erlösen wollen, geschweige daß er es gekonnt und ausgeführt! Der ewigen Gerechtigkeit konnte dieser depotenzirte Gottmensch unmöglich genug thun! Abgesehen davon, daß doch immer die Möglichkeit bei ihm gedacht werden muß, daß er auch sündigte — denn zu dem kirchlichen non posse peccare kommt Ihr System nie—: so ist das Opfer, das er dem Vater darbrachte für die unendliche Schuld der Menschen, nicht ein unendliches, sondern ein beschränktes und endliches, wie seine Person es war. Aller Accent fällt in Ihrem System auf die Beschränktheit und Endlichkeit des als Gott und Mensch depotenzirten Gottmenschen: so konnte auch all sein Thun und Leiden nicht die unbeschränkte Genugthuung ausdrücken, die die unbeschränkte Schuld der Men- *) Man bedenke einmal solche Sätze, wie sie bei Geß, dem neuesten Christologen, der auf derselben Linie operirt, auf der fast alle modernen Christologen sich bewegen, in seiner „Lehre von der Person Christi“ sich finden: „Das ewige Hervorströmen des herrlichen Gottlebens des Sohnes aus dem Vater wird für die Zeit der irdischen Erniedrigung des Sohnes stille gestellt; eben deßhalb kann während derselben Zeit der Sohn auch nicht der Lebensquell sein, aus welchem der heilige Geist hervorströmt. Stille gestellt ist in dieser Zeit auch das Bestehen der Welt im Sohne, die Erhaltung und Regierung derselben durch den Sohn.“ S. 389.