# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S294 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 294 Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? er außerhalb des Fleisches (nec verbum extra carnem nec caro extra verbum)*), er ist in der Totalität seines Wesens Mensch geworden, seine Existenz und Lebensform ist die eines geistleiblichen, zeiträumlich bedingten Menschen. Wie ein stilles, seliges Geheimniß trägt der Menschgewordene den Himmel, aus dem er gekommen ist, in sich, wie eine Erinnerung an eine Heimath, die er verlassen hat, und der er gleichwohl noch angehört.“' Fragt man, wie ist das möglich gewesen, wie konnte der ewige Logos in ein so beschränktes menschliches Erinnerungsleben hinein sich entäußern, so antworten Sie mit einem altdogmatischen Unterschiede der göttlichen Eigen⸗ schaften. Sie unterscheiden nämlich immanente göttliche Eigenschaften und relative. Die immanenten haben den ewigen Sohn Gottes nicht gehindert, Mensch zu werden, sondern nur diejenigen, die er in seinem Ver⸗ hältniß zur Welt besaß. Die immanenten göttlichen Eigenschaften der abso⸗ luten Macht, Wahrheit, Heiligkeit und Liebe hat der Logos behalten, die Eigenschaften der Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart aber hat er ab⸗ gelegt. Damit ich nun mit dem Letzten zuerst anfange, so erlauben Sie mir den Einwand, daß, meiner Meinung nach, dieser Unterschied der göttlichen Eigenschaften uns in unserer Frage schwerlich etwas wird helfen können. Sie behaupten zwar, daß dieser Unterschied gemacht werden müsse und daß ohne ihn Gott von der Welt abhängig gemacht werde. Gott ist, was er ist, aus sich selbst und in sich selbst, durch die Beziehung auf die Welt gewinnt er so wenig an selbsteigener Wesenheit, als er dadurch verlöre, wenn er sich ihrer begeben wollte. Nun gut! Gott kann der Welt entbehren: daß ihm aber mit dem Verlust der Welt auch Eigenschaften von ihm, d. h. wirkliche We⸗ sensbeziehungen verloren gehen sollen, das ist doch im Grunde nichts Ande⸗ res, als eine Veränderlichkeit des göttlichen Wesens. Hat Gott ohne die Welt nicht die Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart, so hat er sie überhaupt nicht. Wir müssen aber sagen, weil Gott das Object des Alls fehlt, weil die Welt erst entsteht, entsteht nicht in Gott eine Reihe neuer Eigenschaften, sondern das Wesen Gottes bleibt dasselbe. Die Immanenz Gottes ist zugleich seine Relation zur Welt, nur daß, so lange die Welt nicht da ist, auch die Relation Gottes nicht da sein kann, nicht weil Gott die relativen Eigenschaf⸗ ten nicht hätte, sondern weil sie eben noch zu den immanenten gehören. Damit, daß die Welt geschaffen wird, tritt die Immanenz nach Außen hin und wird Relation zur Welt: dadurch aber ist in Gott kein Wechsel eingetreten, kein Wachsthum und keine Abnahme seines Wesens. Mir scheint, daß hier der schwache Punkt Ihres Systems liegt. Der ewige Sohn Gottes kann nicht die Allmacht ohne die absolute Macht, er kann nicht die Allwissenheit ohne das immanente Wissen ablegen; der ewige Sohn Gottes kann sich wohl beschränken, zusammenfassen und zusammenziehen, weil er es will, aber nimmermehr einem Theile seines Wesens entsagen. Ein Mann kann sich naturgemäß bücken und zusammenziehen, deßhalb *) Ein Satz, den die Christologie der Kirche ebenfalls hat, nur in ganz anderer Bedeu⸗ tung.