# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S293 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? 293 schen; so war dieselbe in der That und Wahrheit nicht sein, so daß er für seine Person jeden Augenblick mehr noch wie Elias ohne Tod in den Himmel hätte aufgenommen werden können, und doch machte er sie sich ethisch allezeit so zu eigen, daß sie sein war und er sie wirklich bis zum Tode auf sich nahm und erduldete. Ich breche aber hier ab und bemerke nur noch, daß ich Ihnen bei Ihrem Bestreben, die menschliche Natur Christi ganz in die Tiefe unsers damaligen Fleisches zu entäußern, darum nicht folgen kann, weil Ihre Anschauung von der menschlichen Natur Christi natürlich nicht geeignet ist, die altkirchliche Lehre der lutherischen Kirche (der reformirten: das möchte eher sein) auszu⸗ drücken oder gar weiter zu bilden. Sie setzen hier ein völliges Novum. Denn die so erlösungsbedürftige und dem Tode verfallene Natur Christi, wie Sie sie darstellen, ist schwerlich geeignet, nach dem altkirchlichen System jene dop⸗ pelte Bedeutung zu beanspruchen, nach der sie nicht nur überhaupt eine rein menschliche Excellenz hatte, sondern durch ihre Union mit dem Logos auch an den Proprietäten der göttlichen Natur im Stande der Erniedrigung partici⸗ pirend gedacht wurde. Und nur deßhalb, um nachzuweisen, daß Sie nach Ihren Prämissen schon auf das altkirchliche Dogma gar nicht kommen können, habe ich überhaupt diesen Passus berührt. In § 40 sprechen Sie davon, wie die kirchliche Christologie an einem Hauptfehler leide. „Das Göttliche überragt gleichsam das Menschliche, wie ein weiter Kreis einen engen, es geht mit seinem Wissen, Leben und Wirken unendlich weit darüber hinaus, als das Außergeschichtliche über das Zeitliche, als das in sich Vollendete über das Werdende, als das Allerfül⸗ lende und Allesbestimmende über das Bedingte. Das Bewußtsein, das der Sohn von sich und seinem universalen Walten hat, fällt nicht mit dem des historischen Christus in eins zusammen, es schwebt gleichsam über ihm. Es ist da eine zwiefache Sinnesweise, ein doppeltes Leben, ein gedoppeltes Bewußtsein u. s. w.“ Sie postuliren ein anderes Subject und — finden es. „Er, der ewige Sohn Gottes, die zweite Person der Gottheit, hat sich in die Umschränktheit, und damit in die Schranke einer zeiträumlichen Exi⸗ stenz unter die Bedingungen einer menschlichen Entwickelung, in die Grenzen eines geschichtlichen Daseins dahingegeben, um im vollsten Sinne des Wor⸗ tes das Leben unsers Geschlechtes in unserer Natur mit durchzuleben, ohne deßhalb aufzuhören, Gott zu sein. Er hat sich, um dies zu realisiren, ent⸗ äußert, aber nicht Dessen, was der Gottheit wesentlich ist, um Gott zu sein, wohl aber hat er sich entäußert der göttlichen Herrlichkeit, die er vom Anfange an beim Vater gehabt und der Welt gegenüber, sie beherrschend und durch⸗ waltend, bethätigt hat. Mit dieser zeiträumlichen beschränkten Daseinsform, vermöge deren er dieser Mensch ist, hat er die gegentheilige, das Sein im Himmel beim Vater, vertauscht. Das ist die Menschwerdung. So hat der menschgewordene Logos außerhalb der von ihm assumirten menschlichen Art nicht ein besonderes Fürsichsein, ein besonderes Bewußtsein, einen besonderen Wirkungskreis oder Machtbesitz sich vorbehalten, nicht und nirgends existirt