# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S292 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 292 Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? für Ihr System. Sie sagen, der Logos habe sich die menschliche Natur nicht so angeeignet, wie sie vor dem Falle im ersten Adam in ihrer ursprünglichen Güte und Gesundheit, sondern wie sie in Folge des Falles geworden ist, in der Schwachheit, Leidensfähigkeit und Versuchbarkeit ihres dermaligen Zu⸗ standes: unsere herabgekommene, der Macht des Todes verfallene, den Ein⸗ flüssen des Argen zugängliche, sinnliche und erlösungsbedürftige Natur, von der Schrift Fleisch genannt, habe angenommen. Daß Christi menschliche Natur in der Schrift Fleisch genannt wird, ist freilich richtig, aber das ist die Frage, ob die Schrift damit meint, daß Christus die der Macht des Todes verfallene und erlösungsbedürftige menschliche Natur angenommen habe? Sie entkleiden den Logos, so viel Sie nur können, seiner göttlichen Proprie⸗ täten und haben daran noch nicht einmal ein Genüge: sie drücken ihn auch in die Tiefe der damaligen menschlichen Natur so weit hinab, daß er aufhört, der Mittler zwischen Gott und Menschen zu sein. Ich weiß wohl, daß die Dogmatiker von infirmitates hominum naturales communes. v. gr. esurire, sitire, defatigari, algere, æstuare, dolere, indignari, turbari, lacrimari, quas, cum sint inculpabiles, Christus teste s. scriptura assumsit, reden, aber sie reden auch von infirmitates personales, quæ a sanctissima Christi humanitate longissime absunt, quippe quas assumi nec generi humano ex⸗ pediebat et dignitati humanae derogasset. Diesen Kanon scheinen Sie nicht genau beobachtet zu haben. Können Sie sich einen Christus wirklich denken, der selbst eine der Macht des Todes verfallene und erlösungsbedürf⸗ tige Natur an sich gehabt und dennoch Andere erlös't hätte? Wer hat denn zu⸗ erst ihn erlös't von seiner „erlösungsbedürftigen“ Natur?*) In sich hatte er Freiheit wie vom Tode, so von der Erlösungsbedürftigkeit, aber nichtsdesto⸗ weniger participirte er durch sein stetes Wollen an der von außen an ihn heran kommenden Schuld und Strafe der Menschheit, indem er sie so objectiv und realiter auf sich nahm und erduldete. Von außen kam der gefallene Mensch an ihn, wie der gefallene Engel und die gefallene Erde, und alle Angriffe des Gefallenen mußte er realiter mit leiden, so wie endlich den äußerlichen Tod, der auch nicht aus ihm her⸗ aus, sondern an ihn heran trat; aber jeden Augenblick stand er seiner Per⸗ son nach wie sündelos, so auch schuld⸗ und todesfrei da, und alle Sünde, Schuld und Tod, die ihn trafen, hatte er nur als die Noth seiner Brüder zu erleiden durch sein wahrhaftiges und reales συμπαθῆσαι. Von Natur war er ein wahrer Mensch, dazu aber gehört nicht die Macht des Todes und die Erlösungsbedürftigkeit, im Gegentheil: dazu gehört viel⸗ mehr Heiligkeit und Freiheit vom Tode. Seiner geschichtlichen Existenz nach nahm er aber durch seine wirkliche Sympathie Theil an der Noth der Men⸗ *) Es ist von dem Thomasius'schen Satze der Erlösungsbedürftigkeit Christi die verschie⸗ denartige mystische Wendung, nach der der historische Christus, wenngleich nur als Natur⸗ bestimmtheit und als verschwindendes Moment, auch Sünde hatte, in der That nicht als unmöglich ausgeschlossen. Daß aber auch sonst christliche Männer auf derlei Ideen noch kommen können, das bezeugen Menken und Irving.