# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1896_S36 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 36 Verhandlungen der ſechzehnten Verſammlung Theſis V. So weit die kirchliche Praxis dem freien Ermeſſen der chriſtlichen Gemeinde anheimgegeben iſt, kann und darf auch die Einheitlichkeit der kirchlichen Praxis nicht als göttliche Forderung an die Kirche geſtellt werden. Auch von den Stücken der kirchlichen Praxis, wie von dem, was dem kirchlichen Leben überhaupt angehört, ohne in Gottes Wort normirt zu ſein, daß es ſo ſein müßte und nicht anders ſein dürfte, ſagt Col. 2, 16.: „So laſſet nun niemand euch Gewiſſen machen.“ Das gilt, wie auch unſer Bekenntniß ſagt, von Sonntagen und andern Feiertagen, auch von andern kirchlichen Mitteldingen, und was St. Paulus hier ſagt, iſt ebenſo eine gött⸗ liche Anordnung, ein göttlicher Befehl, wie irgend ein Gebot Gottes, wie das Gebot: Du ſollſt nicht ſtehlen — nicht ehebrechen — nicht tödten. Wer den Chriſten ein Gewiſſen macht, wo Gott ihnen keines gemacht hat, der verſündigt ſich ebenſo, wie der Todtſchläger, der Räuber, der Meineidige. Das Eine iſt ebenſo wirklich und wahrhaftig Sünde, wie das Andere. Ja, wenn man zuſieht, welche Sünde wohl ſchwerer wiegen ſollte, ſo iſt es die, daß ein Menſch ſich vermißt, an ſich zu reißen, was Gott ſich alleine vorbe⸗ halten hat, nämlich die Gewiſſen zu binden. So weit alſo die kirchliche Praxis dem freien Ermeſſen der chriſtlichen Gemeinde anheim gegeben iſt, daß ſie als die Hausmutter in ihrem Hauſe Ordnungen ſtiften mag und je nach Umſtänden und Verhältniſſen die Dinge ſo einrichten, wie es für ſie am erſprießlichſten iſt, ſoll niemand kommen und ſagen: Dazu habt ihr kein Recht; ihr habt euch hier nach dem zu halten, was die Synode beſchloſſen hat; ihr habt euch hier darnach zu richten, was in der Kirche der Refor⸗ mation als das Beſte gegolten hat; ihr habt euch hier zu halten nach den guten alten lutheriſchen Kirchenordnungen (wie man in Buffalo gelehrt hat); ihr habt euch hier zu richten nach dem, was die Synode und vornehmlich die Paſtoren beſchloſſen haben (wie man in Buffalo und andern americaniſchen Synoden practicirt hat). Sondern da ſoll wirklich und ganz in allem Ernſte ſtehen bleiben, was Gott durch ſeinen Apoſtel geſagt hat: Laſſet nie⸗ mand euch Gewiſſen machen, wo es ſich um ſolche Dinge handelt, da ihr euch eurer chriſtlichen Freiheit, die euch euer HErr und König verliehen hat, gebrauchen und bedienen mögt. Da darf man auch nicht eine Einheitlich⸗ keit fordern innerhalb derſelben Körperſchaft. Da darf man nicht ſagen: So iſt es einmal feſtgeſetzt, ſo muß es nun bleiben. Das Bekenntniß ſagt ausdrücklich, daß in ſolchen Dingen die chriſtliche Gemeinde Recht und Macht habe zu ändern. Wir leſen nämlich im 10. Artikel der Concordien⸗ formel: „Wir glauben, lehren und bekennen, daß die Gemeine Gottes jedes Ortes und jeder Zeit derſelbigen Gelegenheit nach guten Fug, Gewalt und Macht habe, dieſelbigen ohne Leichtfertigkeit und Aergerniß ordentlicher