# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S291 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? 291 indem der Menschgewordene das wieder geworden, was er in seiner Mensch⸗ werdung aufgehört hatte zu sein.“ Ehe ich weiter gehe, darf ich es nicht un⸗ terlassen, Ihr System in kurzen Zügen, soweit es hier dienlich ist, zuvor dar⸗ zustellen. Der Logos hat die wirkliche, aber sündlose menschliche Natur an sich genommen, aber nicht so wie sie vor dem Falle war, sondern wie sie in Folge des Falles geworden ist in der Schwachheit: unsere herabgekommene, der Macht des Todes verfallene, erlösungsbedürftige Natur, von der Schrift Fleisch genannt, hat der Logos angenommen; die Menschwerdung des Logos war somit weder eine absolut neue Schöpfung, noch Aneignung des sündli⸗ chen Fleisches. Es mußte aber der Logos sich selbst beschränken, wenn er die menschliche Natur an sich nehmen wollte. Wir, sagen Sie, postuliren ein Subject als Gottmensch, das nur dadurch entstanden sein kann, daß Gott selbst zur wirklichen Theilnahme an der menschlichen Lebens⸗ und Bewußt⸗ seinsform sich bestimmte; der Logos muß demnach, um die Menschwerdung völlig zu vollziehen, auf seine göttliche Herrlichkeit verzichten und doch in ei⸗ nem wesentlichen Gottsein innerhalb der angenommenen Menschheit verhar⸗ ren. Gott wird so zum menschlichen Ich, menschlich bestimmt in seinem Be⸗ wußtsein und Leben, er wird Ich einer vollständigen, geistleiblichen Natur welche der unsrigen ganz homogen ist. Das göttliche Ich wird menschliches Ich, es wird eine gottmenschliche Persönlichkeit dadurch, daß es als göttliches Ich die menschliche Natur in sich aufgenommen und sich mit ihr zum Gott⸗ menschen zusammengeschlossen hat. Der Sohn Gottes hat sich außerhalb der von ihm assumirten menschlichen Art nicht ein besonderes Fürsichsein, ein be⸗ sonderes Bewußtsein, einen besonderen Wirkungskreis oder Machtsitz vorbe⸗ halten, nicht und nirgends existirt er außerhalb des Fleisches. Der Logos ist also totaliter Mensch geworden und vertritt ganz die Stelle des Geistes in dem Wiedergebornen innerhalb seiner unsündlichen Creatürlichkeit. Das Leben des Gottmenschen in seiner Erniedrigung ist theils eine stete Offenbarung der immanenten göttlichen Eigenschaften, der absoluten Macht, Wahrheit, Hei⸗ ligkeit und Liebe. Wie sein Wort, so ist auch seine ganze Selbstbezeugung, ja seine Erscheinung Manifestation der wesentlichen Gemeinschaft, in der er mit Gott steht. Aber eben so ist seine Erniedrigung eine fortlaufende Ent⸗ äußerung. Wie er die immanenten göttlichen Eigenschaften besessen hat, so hat er die relativen Eigenschaften Gottes: die Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart nicht besessen. So viel es für meinen Zweck anpassend ist, habe ich Ihre Lehre meist mit Ihren eigenen Worten zusammengestellt. Das Erste nun, was mir bei Ihrer Ansicht wichtig scheint und mit Ihrer ganzen Auffassung eng zusam⸗ menhängt, ist Ihre Lehre von der menschlichen Natur Christi in ihrer Er⸗ niedrigung. Daß Sie Christum sündelos darstellen, ist natürlich der Schrift gemäß, daß Sie aber Christum, obschon er der zweite Adam ist, doch aus dieser seiner plastischen Stellung, so viel nur möglich ist, zu dem gefallenen Adam hinab drücken, erscheint mir eben so schriftwidrig, wie nutzlos auch