# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1858_S290 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 290 Was versteht man jetzt unter Fortentwicklung der Lehre der luth. Kirche? bergehen in dieselbe, fordert also, daß das unendliche Logosbewußtsein ein endlich Menschliches geworden sei. Wenn die Kirchenlehre mit Recht das Selbstbewußtsein Christi nicht von der menschlichen, sondern von der Logos⸗ natur ableitet, so muß sie noch den Schritt thun (!), eine Verendlichung des Logosbewußtseins anzunehmen, um für die menschliche Natur ein menschli⸗ ches Bewußtsein zu gewinnen“ — so ist hier nur die Frage, ob das mehr nach Ihrem System oder etwa nach dem von Hofmann*) geredet ist. Neuerdings ist nun noch Delitzsch zu Ihrer Ansicht hinzugetreten. Nachdem derselbe in seiner biblisch prophetischen Theologie S. 249 schon mit Hinweisung auf Ih⸗ ren Beitrag zur kirchlichen Christologie in Harleß Zeitschrift 1845. I. Seite 29 behauptet hatte, die tiefere Begründung des Begriffs der Persönlichkeit und zugleich des Organischen sei der neueren Zeit vorbehalten gewesen, hat er sich nun vollständig in seiner biblischen Psychologie zu der von Ihnen ver⸗ tretenen Ansicht bekannt. Er sagt daselbst S. 283: „Der Erlöser ist nicht im Besitz der ewigen Doxa, denn er verlangt nach ihr zurück, Joh. 17, 5. Er ist nicht allwissend, denn er weiß nicht, wie er selbst sagt, Zeit und Stunde des Endes, Marc. 13, 32. Er ist nicht allmächtig, denn die Macht über Alles ist, wie der Auferstandene sagt, ihm gegeben, Mat. 28, 18. Er ist nicht allgegenwärtig, denn um Alles zu erfüllen, ist er aufgefahren, Eph. 4, 10. Es muß also gezeigt werden, wie der Logos die ewige Doxa und diese Attribute seiner göttlichen Seinsweise wahrhaft und wirklich aufgeben konnte, ohne doch sein göttliches Sein aufzugeben, dessen Abbild die Doxa ist und dessen Energie jene Attribute sind.“ Mich dünkt, daß Sie mit dieser Auffas⸗ sung von Delitzsch zufrieden sein werden. Was der Dogmatiker gefunden, das nimmt beistimmend der Psycholog an. Ganz anders möchte es mit einem andern Ihrer Collegen stehen. Ob⸗ schon Sie nämlich der Exegese des Prof. Hofmann in dieser christologischen Frage fast überall folgen, kann ich doch nicht glauben, daß Sie auch den dog⸗ matischen Sätzen Hofmanns unbedingt beipflichten. Die Gottheit des Logos ist nach Hofmann in dem Menschen Jesus im Stande seiner Erniedrigung völlig verschwunden; seine Selbstbethätigung ist eine rein menschliche, von einem irgendwie Sein des auf Erden seienden Christi im Himmel ist keine Rede, er hat sich ja völlig und ohne Vorbehalt aller überweltlichen Selbsterweisung begeben. An dem einen Ufer der Ewig⸗ keit erscheint der Logos, taucht hinunter in die Menschheit und verschwindet in ihr, bis er am andern Ufer der Ewigkeit wieder hervortaucht. Im Schrift⸗ beweis II. 1. S. 28, heißt es: „Weil er bei Gott gewesen, ehe er Mensch geworden, ist er, der Menschgewordene, υἱὸς θεοῦ im ausschließlichen Sinne und also θεός, aber θεός in der Welt als Mensch, nachdem er es zuvor über⸗ weltlich bei Gott gewesen. Hinwieder ist er in seiner Auferstehung und Ver⸗ klärung Gott geworden, nicht nur, daß man ihn dafür erkannte, sondern *) Dorner weist, wie mir scheint, ganz richtig nach (Jahrbücher 1856 I. Band II. Heft) daß Hofmanns Anschauung von seinem endlichen und wandelbaren Gotte, wenn auch wandelbar kraft seines Willens, ins Gebiet des Arianismus gehört.